Gibt es einen Gott (Teil 2)?

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In Teil 1 haben wir uns mit der Frage beschäftigt, welche Ansichten es über die Existenz Gottes gibt. Um herauszufinden, welche dieser Vorstellungen am ehesten korrekt ist, mussten wir zunächst die Grundlagen der Argumentationstheorie besprechen, da sich an den Argumenten für (oder gegen) die Existenz Gottes zeigt, wer höchstwahrscheinlich recht hat.

Da Jehovas Zeugen gnostische Theisten sind (“wir wissen, dass Gott existiert”), müssen ihre Argumente zwingend sein. Wir prüfen im Folgenden anhand des Artikels: “Gibt es Gott? – Die Antwort der Bibel”, herausgegeben von der Wachtturmgesellschaft (WTG), und des in Teil 1 erarbeiteten Prüfschemas, ob sie das wirklich sind.

Im o.g. Artikel heißt es mit Bezug auf die Bibel:

Sie hält jeden dazu an, seinen Glauben nicht einfach nur auf irgendwelche Behauptungen zu stützen, sondern mit „Vernunft“ und „verstandesmäßig“ an diese Thematik heranzugehen.

Genau das möchten wir tun. Durch die Beschäftigung mit Argumentationstheorie sind wir nun bestens dafür ausgerüstet.

Argument 1: Komplexität ohne Konstrukteur?

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Die Ordnung im Universum und die Existenz von Leben darin sind Belege dafür, dass es einen Schöpfer gibt. Die Bibel sagt: „Natürlich wird jedes Haus von jemandem errichtet, doch der, der alle Dinge errichtet hat, ist Gott“ (Hebräer 3:4). Diese Argumentation ist zwar einfach, aber auch viele hochgebildete Leute finden sie bestechend logisch.jw.org

A. Handelt es sich um ein Argument?

Ja. Strenggenommen handelt es sich sogar um zwei Argumente. Es gibt nämlich zwei strittige Positionen: Ob es einen Gott gibt und ob das Argument, welches verwendet wird, zu “einfach” ist.

Um das Thema unseres Artikels nicht zu verfehlen, wollen wir uns jedoch vor allem auf die Analyse des Gottesarguments konzentrieren. Gründe, warum die Position der Zeugen Jehovas richtig sein soll, werden jedenfalls vorgebracht. Ob sie gut sind, werden wir sehen.

B. Verstehen des Arguments

Ein Zeuge Jehovas führt den Bibeltext aus Hebräer 3:4 in der Regel deswegen an, weil er es für unmöglich hält, dass etwas Komplexes, das einem bestimmten Zweck dient, ohne intelligenten Konstrukteur entstehen kann. Dies gilt auch für die Ordnung im Universum. Da Leben eine besonders hohe Form der Ordnung ist, stellt dieses in den Augen eines Zeugen Jehovas einen besonders starken Beweis für die Existenz eines Schöpfers dar.

C. Ermittlung aller Prämissen (auch der impliziten) und der Konklusion

Prämisse 1: Das Universum, die Erde und das Leben sind komplexe Dinge, die einem bestimmten Zweck dienen.
Prämisse 2: Komplexe Dinge, die einem bestimmten Zweck dienen, können nicht ohne einen intelligenten Konstrukteur entstehen.

Es gibt jedoch auch unausgesprochene Prämissen, die wir ermitteln müssen. Hier sind sie:

Prämisse 3: Für den Konstrukteur selbst gilt die Prämisse 1 nicht, obwohl er noch viel komplexer als das Universum, die Erde und das Leben ist, denn er war schon immer da.
Prämisse 4: Der intelligente Konstrukteur kann nur ein Gott sein (der zudem der Definition der Zeugen Jehovas entspricht), nämlich Jehova.

Konklusion: Also existiert Gott (im Sinne der Definition der Zeugen Jehovas).

Alle diese Vorannahmen müssen getroffen werden, damit aus dem Argument ein Argument für die Existenz Gottes im Sinne der Zeugen wird.

D. Einigung über die Definition der im Argument enthaltenen Begriffe

Die Definition des Begriffes “Gott” im Sinne der Zeugen Jehovas hatten wir bereits im 1. Teil unserer Artikelserie vorgenommen.

Der Begriff “komplex” sollte normalerweise ebenfalls definiert werden. Da hier jedoch keine Scheineinigkeit oder Scheinuneinigkeit drohen, können wir darauf verzichten.

Weitere Definitionen sind nicht notwendig.

E. Versachlichung des Arguments des Gesprächspartners

Eine Versachlichung ist nicht notwendig, da die o.g. Prämissen bereits sachlich formuliert wurden.

F. Bewertung des Grades der Richtigkeit der Prämissen

Prämisse 1: Das Universum, die Erde und das Leben sind komplexe Dinge, die einem bestimmten Zweck dienen.

Wie wir im ersten Teil unserer Artikelserie gelernt haben, geht es noch nicht darum, die Beziehung zwischen den Prämissen und der Konklusion zu untersuchen, sondern lediglich um die Beurteilung der Vorannahmen an sich. Da Prämissen Behauptungen sind, die unstrittig sein sollten, so dass sich beide Argumentationspartner auf dieser Basis begegnen können, geht es hier zunächst nur darum, einzuschätzen, ob die obige Aussage mindestens haltbar ist.

Dass das Universum, die Erde und das Leben komplex sind, ist unstrittig. Wenn man jedoch über die Zweckmäßigkeit spricht, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass es keinen inhärenten (innewohnenden) Zweck einer Sache gibt, da dieser immer vom Betrachter hineininterpretiert wird und somit subjektiv ist. Dass die Erde z.B. den Zweck erfüllt, Leben zu beherbergen, ist die Annahme eines Lebewesens (des Menschen), der es nun mal wichtig findet, dass er lebt und dies daher aus seiner subjektiven Sicht als Hauptzweck in den Planeten hineininterpretiert. Er käme niemals auf die Idee, die Erde als puren Wasserspeicher für eine außerirdische Lebensform anzusehen (was diese jedoch womöglich täte). Genauso würde wohl kein Mensch behaupten, die Buche im Garten gegenüber sei zu dem Zweck gewachsen, den Nachbarn zu erschlagen – nachdem dieser bei einem Sturm durch den umstürzenden Baum sein Leben verlor. Der Specht, der sein Nest in den Stamm gebaut hatte, hätte sicherlich andere Vorstellungen vom Zweck der Buche. Die Ameisen, die den Baum als Weg ins angrenzende Küchenfenster nutzten, ebenfalls.

Um Prämisse 1 also uneingeschränkt das Prädikat “wahr” verleihen zu können, müsste man sie wie folgt umformulieren:

Prämisse 1: Das Universum, die Erde und das Leben sind komplexe Dinge, in die einige Menschen einen bestimmten Zweck hineininterpretieren. (wahr)

Untersuchen wir nun, wie sich Prämisse 2 schlägt.

Prämisse 2: Komplexe Dinge, die einem bestimmten Zweck dienen, können nicht ohne einen intelligenten Konstrukteur entstehen.

Gerne wird an dieser Stelle das Beispiel eines voll ausgestatteten Hauses angeführt, das man in der Wüste findet. Käme man da auf die Idee, es sei ohne intelligenten Erschaffer entstanden? Diese oder eine ähnliche Aussage tätigen Jehovas Zeugen häufig. Der Grundgedanke ist gut. Natürlich muss das Haus einen intelligenten Designer und Erbauer gehabt haben – ähnlich wie das in Hebräer 3:4 vom Apostel Paulus erwähnte Haus. Es hat ein bestimmtes Maß an Komplexität und dient wohl unstrittig einem bestimmten Zweck.

Die Probleme bei Prämisse 2 werden jedoch deutlich, wenn man sich weitergehende Gedanken macht.

Es entsteht nämlich die Frage, ob es auch Dinge um uns herum gibt, die genauso oder noch komplexer als ein Haus sind und vor unseren Augen ohne einen intelligenten Konstrukteur entstehen. Ein einziges Beispiel reicht, um die Prämisse zu widerlegen, denn sie wurde absolut formuliert.

Gibt es nun also komplexe Dinge, die ohne Konstrukteur entstehen? Ja, sogar unzählige!

Nehmen wir ein besonders offensichtliches Beispiel: die Entstehung eines neuen Menschen im Mutterleib. Dieser Vorgang und der entstehende Mensch sind wohl unbestritten wesentlich komplexer als jedes Haus. Und dennoch ist dafür kein Eingriff eines Konstrukteurs oder Gottes erforderlich. Der Mensch entsteht nach der Befruchtung der Eizelle automatisch und mehr oder weniger “aus dem Nichts”.

Nun wird jeder Zeuge sofort empört ausrufen: “Das funktioniert doch aber nur deswegen, weil es einen Schöpfer gibt, der diese Abläufe ursprünglich so eingerichtet hat!” Und genau hier liegt der Logikfehler fast jedes gnostischen Theisten: Er geht bereits vorab davon aus, dass ein Gott existiert und argumentiert aus dieser Perspektive. Das ist aber ein Zirkelschluss. So funktioniert Logik nicht. Die Existenz Gottes soll sich ja erst aus dem Argument ergeben und nicht umgekehrt. Man kann daher nur von den Fakten und sicherem Wissen ausgehen und müsste daraus schließen können, dass ein Gott existiert. Und die Fakten zeigen ganz deutlich, dass unzählige Dinge einfach so entstehen – nur unter dem Einfluss der Naturgesetze.

“Und von wem stammen die Naturgesetze?”, hört man sich den Zeugen Jehovas nun beschweren. Man weiß nicht, wie die Naturgesetze entstanden sind und warum sie so sind, wie sie sind. Und aus Nicht-Wissen kann man nichts schließen, außer dass man es eben nicht weiß. Fakt ist jedenfalls, dass alle Dinge in der Natur ohne Einwirken eines intelligenten Erbauers funktionieren, sei es die Sternentstehung oder die Entwicklung eines komplexen Ökosystems in einem Gebiet, das zuvor von einem Vulkanausbruch verwüstet wurde. Alle diese Dinge kann man beobachten. Wie und warum sie funktionieren, weiß man heutzutage größtenteils auch schon relativ genau.

Die Prämisse, dass komplexe Dinge, die einem bestimmten Zweck dienen, ausschließlich durch das Wirken eines intelligenten Konstrukteurs entstehen können, ist also definitiv falsch. Haltbar wird die Vorannahme erst, wenn man sie leicht modifiziert. Um das Argument weiter analysieren zu können, müssen wir die 2. Prämisse somit umformulieren:

Prämisse 2 (modifiziert): Es gibt komplexe Dinge, die einem bestimmten (menschengemachten) Zweck dienen, und die von einem intelligenten Konstrukteur stammen. Somit könnten das Weltall, die Erde und das Leben ebenfalls Dinge sein, die von einem Konstrukteur erschaffen wurden. (haltbar)

Betrachten wir nun die implizite Prämisse 3.

Prämisse 3: Für den Konstrukteur selbst gilt die Prämisse 1 nicht, obwohl er noch viel komplexer als das Universum, die Erde und das Leben ist, denn er war schon immer da.

An dieser Stelle haben wir ein Problem. Prämisse 3 wird zwar nicht ausgesprochen, aber unbedingt gebraucht, damit das ganze Argument Sinn macht. Wenn nämlich der Kern des Arguments die Unmöglichkeit betont, dass komplexe Dinge ohne Konstrukteur entstehen, dann stellt sich natürlich sofort die Frage, wer denn dann den Konstrukteur erschaffen hat und wer den Konstrukteur des Konstrukteurs und wer den Konstrukteur des Konstrukteurs des Konstrukteurs usw. Es bildet sich ein infiniter Regress, d.h. eine unendliche Reihe an identischen Begründungen, die zu keinem Ergebnis führen.

Wikipedia sagt:

Führt eine Argumentation zu einem infiniten Regress, gilt sie nach dem Schema der reductio ad absurdum als widerlegt. Wikipedia

Die reductio ad absurdum ist eine Beweistechnik, die eine These dadurch widerlegt, dass sie deren Fehlerhaftigkeit aufzeigt.

Kurz gesagt ist also ein Argument, das zu einem infiniten Regress führt, unlogisch und damit hinfällig.

Es ist daher zwingend notwendig, davon auszugehen, dass der Konstrukteur (angeblich Jehova) selbst keinen Erschaffer hatte. Fragt man nach, wird diese Begründung auch sofort von dem jeweiligen Zeugen vorgebracht. Damit widerspricht er jedoch seiner eigenen Prämisse 2 aus dem Ursprungsargument, dass nämlich komplexe Dinge mit bestimmtem Zweck niemals ohne Konstrukteur entstünden.

Gleichzeitig begeht der Zeuge erneut einen Zirkelschluss, denn er geht schon wieder davon aus, dass ein Gott existiert, der zudem noch Eigenschaften hat, die offenbar bekannt sind (woher bloß?). Dabei soll das Argument ja erst in der Konklusion zu der Schlussfolgerung führen, dass ein Gott existiert. Hiervon bereits in der Prämisse auszugehen, ist erneut ein Logikfehler.

Der Zeuge Jehovas würde nun vermutlich darauf hinweisen, dass die Bibel eindeutig zeige, dass Jehova keinen Anfang gehabt habe. Auf die Frage, woher er wisse, dass diese Aussage korrekt sei, käme die Antwort: “Sie steht in der Bibel, welche von Gott inspiriert wurde und daher wahr sein muss.” Und schon wieder wäre er – wie bereits weiter oben beschrieben – einem Zirkelschluss erlegen.

Prämisse 3 ist somit nicht “zu retten”. Sie ist unhaltbar. Da sie jedoch für das ganze Argument unerlässlich ist, können wir hier die Analyse abbrechen. Das Argument ist fehlerhaft und damit nicht korrekt.

Der Hinweis in dem o.g. Artikel der Wachtturmgesellschaft, dass viele hochgebildete Leute das Argument überzeugend finden, ist offenbar ein Versuch, das Argument stärker erscheinen zu lassen. Leider bedient man sich dabei ebenfalls zweier Fehlschlüsse, nämlich des sog. argumentum ad populum (“viele” – Popularitätsfehlschluss) und des argumentum ad verecundiam (“hochgebildet” – Autoritätsfehlschluss).

Wikipedia beschreibt letzteren Fehlschluss so:

Ein argumentum ad verecundiam (lat. für „Beweis durch Ehrfurcht“) oder Autoritätsargument ist ein Argument, das eine These durch die Berufung auf eine Autorität, wie zum Beispiel einen Experten oder einen Vorgesetzten [oder wie hier: durch die Berufung auf hochgebildete Leute; Anmerkung von mir], beweisen will. Da Autorität als solche keine Garantie für Wahrheit ist, handelt es sich nicht um eine logisch zwingende Schlussfolgerung. Wikipedia

Die erwähnten hochgebildeten Personen sind jedoch offenbar nicht gebildet genug in kritischem Denken, sonst hätten sie erkannt, dass das vorgebrachte Argument fehlerhaft ist.

Argument 2: Der Sinn des Lebens

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Menschen haben den innigen Wunsch, den Sinn des Lebens zu verstehen. Dieses Bedürfnis bleibt, selbst wenn alle anderen Grundbedürfnisse gestillt sind. Die Bibel nennt das „geistige Bedürfnisse“. Dazu gehört, dass wir Gott und seine Persönlichkeit kennenlernen und zu ihm beten wollen (Matthäus 5:3; Offenbarung 4:11). Das alles spricht nicht nur für die Existenz eines Schöpfers, sondern auch für seine liebevolle Persönlichkeit, denn er möchte, dass wir dieses grundlegende Bedürfnis stillen (Matthäus 4:4).

A. Handelt es sich um ein Argument?

Dies können wir bejahen. Es geht weiterhin darum, die strittige Position, ob es einen Gott gibt oder nicht, mit Argumenten zu unterfüttern. Auch hier werden Gründe angeführt, die für die Existenz eines Gottes sprechen sollen.

B. Verstehen des Arguments

Jehovas Zeugen glauben, dass der Wunsch des Menschen, einen Gott anzubeten und ihm zu dienen, für die Existenz eines Schöpfers spreche, der den Menschen bewusst mit diesem Wunsch erschaffen habe. Zu den von Jehovas Zeugen “geistige Bedürfnisse” genannten Antrieben gehört auch der Drang, den Sinn des Lebens herauszufinden. Es wird davon ausgegangen, dass alle Menschen dieses Bedürfnis (mehr oder weniger) haben.

C. Ermittlung aller Prämissen (auch der impliziten) und der Konklusion

Prämisse 1: Alle Menschen haben den innigen Wunsch, den Sinn des Lebens zu verstehen.
Prämisse 2: Der Sinn des Lebens beinhaltet, Gott kennenzulernen und ihn anzubeten bzw. ihm zu dienen.
Prämisse 3 (implizit): Es gibt DEN allgemeingültigen Lebenssinn, der auf alle Menschen Anwendung findet.
Prämisse 4 (implizit): Die erwähnten Bedürfnisse können keine andere Ursache haben als einen Gott, der sie in die Menschen einpflanzte.
Prämisse 5 (implizit): Es kann sich hierbei nur um den Gott der Bibel, Jehova, handeln.

Konklusion: Es muss es einen Gott (Jehova) geben.

D. Einigung über die Definition der im Argument enthaltenen Begriffe

Die im Argument enthaltenen Begriffe sind klar und müssen nicht weiter definiert werden.

E. Versachlichung des Arguments des Gesprächspartners

Es stellt sich die Frage, ob das Wort “innig” bereits ein Abweichen von der Sachlichkeit darstellt. Man könnte dies so sehen. Ein neutraleres Wort wäre wohl eher “stark”. Innig könnte Menschen, die in ihrem Leben gerade auf der Sinnsuche sind, emotional stärker triggern, was mit einem rationalen Argument ja gerade verhindert werden soll. Andererseits ist die Betonung der Stärke dieses Wunsches integraler Bestandteil der sachlichen Komponente des Arguments. Ein gänzliches Weglassen ist daher nicht möglich. Formulieren wir also Prämisse 1 wie folgt um:

Prämisse 1: Alle Menschen haben den starken Wunsch, den Sinn des Lebens zu verstehen.

Andere emotionalisierende Begriffe sind in der Argumentation nicht enthalten.

F. Bewertung des Grades der Richtigkeit der Prämissen

Prämisse 1: Alle Menschen haben den starken Wunsch, den Sinn des Lebens zu verstehen.

Problematisch sind bei dieser Aussage zwei Punkte, die sich gegenseitig bedingen. Es wird implizit vorausgesetzt, dass es DEN Sinn des Lebens gebe. Dabei ist dieser wie der weiter oben behandelte Zweck einer Sache sehr subjektiv und variiert von Individuum zu Individuum. Würde man jeden Menschen auf der Erde fragen, erhielten wir sicherlich Millionen von Aussagen, die den Sinn des Lebens alle unterschiedlich einschätzen würden. Der eine sieht den Sinn seines Lebens darin, Kinder in die Welt zu setzen, der nächste darin, seinen Horizont unaufhörlich zu erweitern und der dritte darin, reich zu werden und das Leben zu genießen.

Jehovas Zeugen formulieren die o.g. Prämisse jedoch nicht ohne Grund genau so. Sie gehen davon aus, dass es einen ganz bestimmten, von Gott vorgegebenen, Sinn des Lebens gibt:

Der Abschluß der Sache, nachdem man alles gehört hat, ist: Fürchte den [wahren] Gott, und halte seine Gebote. Denn das ist des Menschen ganze [Pflicht].(Prediger 12:13; NWÜ 1986)

Und genau hier liegt das eigentliche Problem. Jehovas Zeugen begehen erneut einen Zirkelschluss. Sie gehen davon aus, dass es einen Gott gibt, der den Sinn des Lebens in der Bibel hat niederschreiben lassen. Ich muss es leider gebetsmühlenartig wiederholen: Auf diesen Fehlschluss reduzieren sich fast alle Probleme in der Argumentation von Theisten.

Um die Prämisse weiter in Richtung Haltbarkeit zu verschieben, muss sie daher nochmals umformuliert werden:

Prämisse 1: Alle Menschen haben den starken Wunsch, einen Sinn im Leben zu finden.

Aber auch das reicht noch nicht. Sicherlich wird es irgendwo Individuen geben, die zumindest nicht den starken Wunsch – oder vielleicht sogar gar nicht den Wunsch – haben, einen Sinn im Leben zu finden. Wir müssen daher schreiben:

Prämisse 1: Viele Menschen haben den starken Wunsch, einen Sinn im Leben zu finden. (haltbar)

Prüfen wir nun Prämisse 2.

Prämisse 2: Der Sinn des Lebens beinhaltet, Gott kennenzulernen und ihn anbeten zu wollen.

An dieser Stelle können wir unsere Prüfung des zweiten Gottes-Arguments bereits abbrechen. Prämisse 2 ist schon wieder ein Zirkelschluss, weil die Existenz Gottes darin vorausgesetzt wird. Weitere Erklärungen sind wohl nicht notwendig. Das Muster sollte nun jedem Leser klar geworden sein.

Widmen wir uns daher der Prüfung des 3. Arguments:

Argument 3: Erfüllte Prophezeiungen

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In der Bibel wurden viele Prophezeiungen aufgezeichnet, die Jahrhunderte später genau eingetroffen sind. Die Genauigkeit dieser detaillierten Vorhersagen belegt, dass sie von einer übermenschlichen Quelle stammen (2. Petrus 1:21).

Ich werde mich im Folgenden nur noch auf die eigentliche Analyse des Arguments beschränken und auf die anderen Aspekte wie Versachlichung, Verstehen des Arguments usw. nur dann eingehen, wenn sie relevant werden.

1. Prämisse: Die Bibel enthält viele Prophezeiungen, die sich alle lange Zeit nach der Niederschrift detailliert erfüllt haben.
2. Prämisse: Nur eine übermenschliche Quelle konnte das im Voraus wissen und den Schreibern eingeben.
3. Prämisse (implizit): Diese übermenschliche Quelle konnte nur der Gott der Bibel, Jehova, sein.

Konklusion: Es muss einen Gott (Jehova) geben.

Betrachten wir die Haltbarkeit von Prämisse 1.

1. Prämisse: Die Bibel enthält viele Prophezeiungen, die sich alle lange Zeit nach der Niederschrift detailliert erfüllt haben.

Wenn man einen Zeugen Jehovas fragt, woher er wissen will, dass das stimmt, wird er recht schnell ein Beispiel anführen, z.B. die ganzen Prophezeiungen über Jesu Leben, die in den hebräischen Schriften aufgezeichnet wurden und deren Erfüllung man in den christlich-griechischen Schriften nachlesen kann. Und ja, wir ahnen es bereits.

Prämisse 1 stützt sich schon wieder auf einen Zirkelschluss nach dem Motto:

“Woher willst Du wissen, dass die Erfüllung der Prophezeiungen aus den hebräischen Schriften so abgelaufen ist, wie sie in den griechischen Schriften beschrieben wird?”

“Weil auch die griechischen Schriften von Gott inspiriert sind.”

“Woher willst Du wissen, dass ein Gott existiert, der die Schreiber der hebräischen Schriften inspirierte?”

“Weil sich die ganzen Prophezeiungen über Jesus aus den hebräischen Schriften erfüllt haben, wie man leicht in den griechischen Schriften nachlesen kann.”

Ich hoffe, die Problematik ist nun klar. Wie bereits früher in dieser Artikelserie erwähnt, kann man nur außerbiblische Fakten heranziehen, um die Prämisse 1 zu untermauern, denn solange nicht bewiesen ist, dass ein Gott existiert, kann man ihn auch nicht als denjenigen anführen, der die Erfüllung der biblischen Prophezeiungen überwacht hat.

Man braucht somit archäologische Funde, die den Zeitpunkt der Niederschrift einer Prophezeiung zweifelsfrei nachweisen und außerdem andere Ausgrabungen oder Funde, die ihre Jahrhunderte später erfolgte detaillierte Erfüllung belegen. Gibt es diese?

Nein. Um beim Beispiel Jesu zu bleiben: Man muss schon lange suchen, um überhaupt außerbiblische Beweise für seine pure Existenz zu finden! Geschweige denn ist auch nur ansatzweise belegt, was in seinem Leben geschah. Dass das auch noch detailliert vorhergesagt worden sein soll, ist noch weniger bewiesen.

Wir können diese Problematik auch leicht auf alle anderen Prophezeiungen der Bibel ausweiten. Die Tage Noahs z.B. werden sogar von Jesus angeführt und waren nach Ansicht der Zeugen auf unsere Zeit gemünzt. Wie bereits ein anderer Artikel auf diesen Seiten argumentativ aufgezeigt hat, gab es die Tage Noahs gar nicht – jedenfalls nicht so, wie in der Bibel beschrieben.

Darüber hinaus führen Jehovas Zeugen gerne an, dass sich biblische Prophezeiungen vor unseren Augen erfüllten! Ist das nicht Beweis genug? Was ist z.B. mit den sich ständig verschlimmernden Weltverhältnissen seit 1914 und allem, was dazugehört?

Dieser Eindruck ist einer kognitiven Verzerrung geschuldet, die man ebenfalls leicht verstehen und nachvollziehen kann: der selektiven Wahrnehmung. Wenn man erwartet, dass die Verhältnisse schlimmer werden, fallen einem auch nur die Dinge auf, die diesen Glaubenssatz stützen. Mit der Realität hat das nichts zu tun. Wie dieser Artikel aufzeigt, waren die Weltverhältnisse noch nie so positiv wie heute – trotz Corona und des Krieges in der Ukraine.

Prämisse 1 ist somit nicht haltbar, da es sich lediglich um eine unbewiesene Behauptung handelt. Damit ist auch das gesamte Argument hinfällig.

Argument 4: Wissenschaftlich korrekte Aussagen

Im 4. Jahrhundert vor Christus stellte Aristoteles die Behauptung auf, dass die Erde eine Kugel sei. Ihr Umfang wurde von Eratosthenes im 3. Jahrhundert v. Chr. berechnet. (Quelle)

Die Schreiber der Bibel hatten ein Verständnis von wissenschaftlichen Zusammenhängen, das ihrer Zeit weit voraus war. Zum Beispiel glaubte man früher, die Erde werde von Elefanten, Schildkröten oder anderen Tieren getragen. Die Bibel sagt dagegen von Gott, er „hängt die Erde auf an nichts“ (Hiob 26:7). Oder ein anderes Beispiel: Die Form der Erde. Die Bibel beschreibt sie korrekterweise als „Erdenrund“ oder „Erdkugel“ (Jesaja 40:22, Douay Version beziehungsweise Pattloch-Bibel). Viele sind überzeugt: Ein solches Verständnis kann nur von Gott kommen.

1. Prämisse: Die Schreiber der Bibel hatten ein Verständnis von wissenschaftlichen Zusammenhängen, das ihrer Zeit weit voraus war.
2. Prämisse: Ein solches Verständnis kann nur von Gott eingegeben worden sein.
3. Prämisse (implizit): Es kann sich nur um den Gott der Bibel, Jehova, handeln.

Konklusion: Also muss es einen Gott (Jehova) geben.

Prüfen wir die Prämissen. Um das Beispiel aus dem Argument zu verwenden, müssen wir uns also fragen, ob die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde wirklich “ihrer Zeit weit voraus” war. Wann wurde das Bibelbuch Jesaja geschrieben? Laut Wachtturmgesellschaft wurde es um das Jahr 732 v.u.Z. beendet.

Unter Wissenschaftlern wird ein ähnlicher Zeitabschnitt für korrekt gehalten. Allerdings fügt Wikipedia noch hinzu:

Das gleichnamige Buch der Bibel überliefert seine Prophetie in den Kapiteln 1–39. Diese bezeichnet man seit 1892 als Protojesaja. Im Unterschied dazu werden fast von der gesamten biblischen Wissenschaft die weiter hinten stehenden Buchteile als Deuterojesaja (Jes 40–55) und Tritojesaja (Jes 56–66) auf spätere, exilisch-nachexilische Propheten und deren Tradenten zurückgeführt. Wikipedia

Wir können also festhalten, dass das Bibelbuch vermutlich frühestens 732 beendet war, aber die Kapitel 40 aufwärts, die auch den fraglichen Bibeltext enthalten, durchaus später entstanden sein könnten.

Nun müssen wir nur noch herausfinden, wann erstmals die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde außerhalb der “biblischen Sphäre” aufkam.

Hierzu sagt Wikipedia unter dem Stichwort “Flache Erde”:

Das Globus-Modell der Erdkugel wurde in der Antike Pythagoras, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte, oder dem mythischen König Atlas von Mauretanien zugeschrieben. Auch Platon ging von der Kugelgestalt aus. Sein Schüler Aristoteles gab in seiner Schrift Über den Himmel aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. […] Gründe für die Kugelgestalt der Erde an. Wikipedia

Wir stellen also fest, dass der Bibelschreiber seiner Zeit offenbar gar nicht weit voraus war, sondern dass die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde zu seiner Zeit bereits durch die Menschheit “geisterte” und daher nichts Göttliches an sich hatte, sondern als recht gewöhnlich bezeichnet werden muss.

Wie verhält es sich aber mit der Aussage, dass die Erde aufgehängt sei an nichts? Ist das vielleicht eine für die damalige Zeit revolutionäre Vorstellung? Nicht, wenn man daran denkt, dass die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde bereits Einzug in die Köpfe gehalten hatte. Es erfordert in der Tat nicht viel Intelligenz, von der profanen Beobachtung des Mondes und der Sonne, die beide als Kugeln offensichtlich an “nichts” hängen, auf die Erde zurückzuschließen. Hier von einem Wissen zu sprechen, das seiner Zeit weit voraus war und – wie es in Prämisse 2 zum Ausdruck kommt – nur von einem Gott eingegeben worden sein kann, ist völlig überzogen.

Wenn man also Prämisse 1 noch durchgehen lässt, ist spätestens Prämisse 2 unhaltbar und damit das gesamte Argument nichtig.

Argument 5: Antworten auf schwierige Lebensfragen

Zeugen Jehovas und die „letzten Tage“

Die Bibel hat die Antwort auf schwierige Fragen im Leben. Fragen wie zum Beispiel: Wenn Gott doch so liebevoll und außerdem noch allmächtig ist, warum ist dann schon so viel Schlimmes in der Geschichte passiert? Und warum wirkt sich der Einfluss der Religionen oft eher schlecht aus als gut? (Titus 1:16). Viele Menschen können sich diese Fragen nicht beantworten und glauben deshalb nicht an Gott. Doch die Bibel hat zufriedenstellende Antworten.

1. Prämisse: Die Bibel enthält zufriedenstellende Antworten auf schwierige Fragen des Lebens
2. Prämisse: Menschen können sich diese Fragen nicht beantworten.
3. Prämisse (implizit): Wenn ein Buch Antworten auf Fragen enthält, die kein Mensch selbst beantworten kann, muss es aus einer göttlichen Quelle (Jehova) stammen.

Konklusion: Also muss es einen Gott (Jehova) geben.

Betrachten wir, ob die Prämissen haltbar sind.

Wir haben hier erneut das Problem, dass die Ansicht, dass die Antworten der Bibel zu den schwierigen Fragen des Lebens zufriedenstellend sind, äußerst subjektiv ist. Selbst wenn sie jeden Menschen auf der Erde zufriedenstellen würden, bliebe die viel wichtigere Frage, ob die Antworten wahr sind. Ein Zeuge ginge davon aus, dass sie tatsächlich wahr sind, weil er ein weiteres Mal die göttliche Urheberschaft unzulässigerweise voraussetzen würde. Da die Existenz Gottes jedoch erst bewiesen werden muss, können wir nicht wissen, ob die Antworten der Bibel wahr sind. Daraus folgt, dass sie für all diejenigen Menschen sicherlich nicht zufriedenstellend sind, die nicht an den göttlichen Ursprung der Bibel glauben – und das sind enorm viele. Prämisse 1 ist also nicht haltbar. Die beispielhaft aufgeworfenen Fragen sind sehr leicht zu beantworten, was zudem zeigt, dass auch Prämisse 2 unhaltbar ist.

Warum so viel Schlimmes in der Geschichte passiert ist und Gott nicht eingegriffen hat, stellt sich als Frage gar nicht. Bis zu diesem Punkt haben wir festgestellt, dass es offenbar keine vernünftigen Argumente für die Existenz Gottes gibt. Somit sollte man an dieser Stelle zumindest in Erwägung ziehen, dass deswegen so viel Schlimmes passiert und Gott nicht eingreift, weil es ihn schlicht und ergreifend nicht gibt. Warum sich der Einfluss der Religionen oft eher schlecht als gut auswirkt? Weil sie sich komplett auf irrationale Vorstellungen stützen. Und fast alles, was nicht mit der Realität übereinstimmt, aber gleichzeitig einen starken Einfluss auf das Leben von Menschen hat, wirkt sich nun mal schlecht aus. Das ist völlig logisch.

Betrachten wir einmal eine andere schwierige Frage des Lebens, die von Jehovas Zeugen gerne angeführt wird: Warum altern und sterben wir? Auch diese Frage kann der Mensch inzwischen beantworten: Stark vereinfacht gesagt handelt es sich um eine Akkumulation von genetischen Kopierfehlern bei der Zellteilung im Laufe von Jahrzehnten. Diese Antwort ist nicht nur faktisch wahr, sondern auch noch äußerst zufriedenstellend. Sie beinhaltet nämlich die Hoffnung, dass der Mensch etwas gegen Krankheit und Tod tun kann – durch Fortschritte in der Biotechnologie.

Schlussfolgerung

Wie die rationale Analyse des anfangs erwähnten Artikels der WTG also zeigt, sind die vorgebrachten Argumente für die Existenz Gottes durch die Bank nicht nur schwach, sondern sogar vollständig fehlerhaft oder unbewiesene Behauptungen. Natürlich gibt es nicht nur Zeugen Jehovas, die die Existenz Gottes für einen Fakt halten, sondern viele andere Religionsgemeinschaften, die ebenfalls Argumente vorbringen. Ich habe mir die Arbeit gemacht, unzählige dieser Argumente unvoreingenommen zu überprüfen und kann bestätigen, dass keines davon stichhaltig war. Wir müssen also festhalten, dass es genauso wenig (vernünftige) Argumente für die Existenz Gottes gibt, wie für die Existenz der anfangs erwähnten um den Stern Sirius kreisenden Gießkanne, die von einer außerirdischen Spezies dort verloren wurde. Oder anders ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit für die Existenz Gottes ist genauso gering wie die Wahrscheinlichkeit der Existenz dieser Gießkanne. Strenggenommen ist die Existenz Gottes sogar noch unwahrscheinlicher, denn im Gegensatz zu Gott wissen wir zumindest von Gießkannen, dass sie existieren und dass außerirdisches Leben gar nicht so unwahrscheinlich ist. Gott hingegen existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Man kann daher schon jetzt sagen, dass nur die agnostischen Atheisten die Ansicht haben, die mit der Realität am besten übereinstimmt.

Damit wollen wir uns jedoch nicht zufrieden geben. In Teil 3 unserer Artikelserie werden nun zur Abwechslung einmal stichhaltige Argumente vorgebracht, die dieses Ergebnis bestätigen.

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