Wie funktioniert Bewusstseinskontrolle?

Wenn man jemanden fragt, wie Bewusstseinskontrolle eigentlich funktioniert, erhält man meist konfuse Aussagen oder ein Achselzucken. Andere sind sogar der Meinung, so etwas wie Bewusstseinskontrolle gebe es gar nicht. Das Thema ist hochkomplex und tatsächlich schwer zu erklären. Es existieren viele Missverständnisse und falsche Vorstellungen darüber. Wer ein klares Verständnis davon entwickeln möchte, muss sich Wissen auf diversen Gebieten wie Psychologie, Philosophie, Argumentationstheorie, Soziologie usw. aneignen. In diesem Artikel möchte ich versuchen, den Schleier zu lüften und diese Form der Beeinflussung für jeden verständlich zu machen.

Leider gibt es derzeit keinen Begriff, der das Phänomen perfekt auf den Punkt bringt. Alle Bezeichnungen haben ihre Vor- und Nachteile. So gibt es auch die Ausdrücke Gedankenkontrolle, Umerziehung, Zwangsüberredung, unethische Beeinflussung, Gehirnwäsche, psychologische Nötigung und mentale Programmierung – um nur einige zu nennen.

Alle diese Begriffe implizieren mehr oder weniger, dass das Opfer von einem Dritten so beeinflusst wird, dass es etwas im Interesse des Beeinflussers tut, was es selbst jedoch gar nicht will. Hierbei wird angenommen, dass die beeinflussten Personen mehr oder weniger marionettenähnlich von außen gesteuert werden. Ist das jedoch wirklich der Fall?

Jehovas Zeugen – handeln sie authentisch?

Bewusstseinskontrolle in einem kurzen Artikel vollumfänglich zu behandeln, ist nicht möglich. Daher will ich mich nun auf einen interessanten Kernaspekt konzentrieren, nämlich auf die Fragen: Handelt jemand, der unter Bewusstseinskontrolle steht, authentisch oder in gewisser Weise unter Zwang? Ähnelt er einer Marionette oder doch eher nicht? Kann er seinen freien Willen noch ausüben? Um diese Fragen zu beantworten, ist es zunächst notwendig zu verstehen, was authentisches Handeln bedeutet.

Wikipedia definiert Authentizität wie folgt:

Angewendet auf Personen bedeutet Authentizität, sich gemäß seinem wahren Selbst, d. h. seinen Werten, Gedanken, Emotionen, Überzeugungen und Bedürfnissen auszudrücken und dementsprechend zu handeln, und sich nicht durch äußere Einflüsse bestimmen zu lassen.

Ein Zeuge Jehovas ist vollkommen überzeugt davon, dass er freiwillig und seinen Werten, Gedanken, Überzeugungen etc. entsprechend handelt, wenn er sich an das hält, was seine Religionsgemeinschaft vorgibt. Ist er hier jedoch einer Täuschung erlegen? Und wenn ja, warum kann man das sagen?

Um all diese Fragen zu beantworten, müssen wir tiefer in die Psychologie der Authentizität einsteigen. Ich möchte mich hierbei eines Modells bedienen, das der bekannte Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun in seinem Buch “Miteinander reden 3” vorstellt.  Schulz von Thun ist durch sein Modell der vier Seiten einer Nachricht bekannt geworden, welches Teil einer wohl jeden Kommunikationsschulung ist.

Das Modell vom inneren Team

Das Modell vom inneren Team hat mir selbst in einer Phase frustrierender Kulterfahrungen enorm geholfen, da es die Erklärbarkeit der damaligen Umstände herstellte und somit mein Kohärenzgefühl stärkte. Zugleich war es der erste Baustein meines Ausstiegs. Ich bin daher davon überzeugt, dass es auch anderen Personen helfen kann.

Zu jeder Entscheidung im Leben eines Menschen melden sich teils widersprüchliche innere Stimmen:

Hierzu ein Beispiel: Eine junge Zeugin Jehovas ist mit einem Bruder aus ihrer Versammlung verlobt, den sie heiraten möchte.  Beide wissen, dass der erste Geschlechtsverkehr erst nach dem Besuch des Standesamtes stattfinden darf. Sie können es allerdings nicht mehr aushalten, auf Sex zu verzichten. Was geht in ihren Köpfen vor? Es melden sich verschiedene Stimmen. Geben wir ihnen ruhig (lustige) Namen und hören wir uns an, was diese Stimmen in Reinkultur zu sagen haben. In der Schwester gibt es z.B. die Nymphomanin. Ihr einziges Begehr ist Sex und zwar sofort. Dann gibt es die Wehleidige, die dagegen ist. Denn es ist das erste Mal und das könnte weh tun. Außerdem gibt es die Vorsichtige, die besorgt ist, dass ein Kind entstehen könnte, wodurch die Sache auffliegen würde. Dann gibt es die Soziale, die weder den Partner noch die Eltern enttäuschen will. Der Verlobte drängt auf den Geschlechtsverkehr und die Schwester möchte ihm seinen Wunsch erfüllen.  Nehmen wir an, der Kinderwunsch wäre bereits groß. Dann gäbe es in ihr eine Mutter, die möglicherweise sagt: je schneller wir Sex haben, desto eher bekomme ich das Kind. Gerade jetzt, wo ich noch keine Pille nehmen kann, weil die Eltern das herausfinden könnten, sind die Chancen hoch und hoffentlich passiert ein “Unfall” (der Partner möchte ggf. so schnell noch keine Kinder). Gleichzeitig meldet sich natürlich der Moralapostel, der sagt, dass man jemanden, den man liebt, so nicht “hintergehen” dürfe. Natürlich ist auch die Theokratische mit von der Partie, welche rigoros befiehlt: „Sex vor der Ehe ist undenkbar. Es wäre eine schwere Sünde. Kommt nicht in Frage.“

Dieses Gewirr aus teilweise gegensätzlich argumentierenden Stimmen spielt sich im Kopf der Schwester ab. Sie ist hin- und hergerissen.

Laut Friedemann Schulz von Thun hieße authentisches Handeln nun, die einzelnen Stimmen bzw. “Personen” wie in einem echten Team an einen Tisch zu bringen und eine sogenannte innere Teamkonferenz einzuberufen, in deren Verlauf eine Einigung zwischen allen Positionen herbeigeführt wird. Wie ist das möglich? Indem am Ende jede Stimme eine Teilbefriedigung erhält. Oder anders ausgedrückt: Indem ein Kompromiss aus allen inneren Meinungen gefunden wird. Derjenige, der die Teamkonferenz durchführt, wird von Schulz von Thun das “Oberhaupt” genannt, also der neutrale Entscheider, der sich die Stimmen anhört, ordnend eingreift und nach Findung des Kompromisses dann die authentische Entscheidung trifft bzw. authentisch nach außen hin kommuniziert. Man könnte auch sagen: Der Teamleiter des inneren Teams.

Schulz von Thun beschreibt die Aufgaben des Oberhaupts wie folgt:

Seine Aufgaben sind, wie bei jeder Führungskraft im beruflichen Bereich, vielfältig und zum Teil widersprüchlich, da es sowohl für den “Innendienst” als auch für den “Außendienst” zuständig ist. Im ersten Zugriff sind vor allem zu nennen: 

    • Kontrolle: Selbstkontrolle, Selbstbeherrschung. 
    • Moderation: Für geordnete und kreative innere Teambesprechungen sorgen. 
    • Integration: Aus dem “Haufen” ein Team machen, die Einzelbeiträge synergetisch zusammenführen. 
    • Konfliktmanagement: Verfeindeten Mitgliedern aus ihrer Polarisierung heraushelfen (s. Kapitel 3).
    • Personal und Teamentwicklung: Die Förderung einzelner Mitglieder sowie die Förderung eines kooperativen Gesamtklimas, z.B. durch Integration von Außenseitern (s. Kapitel 4).
    • Personalauswahl und Einsatzleitung: Für eine gegebene Aufgabe/Situation die richtige “Mannschaft” aufstellen (s. Kapitel 6). 

Wie vollzieht sich diese innere Führung? Wie kann es dem Oberhaupt gelingen, dass der Mensch in Übereinstimmung mit sich selbst kommt? Wie wird aus dem inneren Wespennest ein authentisch handelndes und kommunizierendes Subjekt? Und, wenn uns dies üblicherweise nur schlecht und recht gelingt, wie kann dieser innere Vorgang erfolgreicher gestaltet werden?

Ein authentisches Handeln und Entscheiden ist also nur möglich, wenn all diese inneren Stimmen zumindest teilweise befriedigt werden. Kein leichtes Unterfangen für das Oberhaupt, wenn man bedenkt, dass diese Stimmen widersprüchliche Wünsche haben. Die Lösung für das Problem ist laut Schulz von Thun eine sogenannte innere Teamkonferenz.

Bevor ich erneut auf das Beispiel mit unserer Schwester zurückkomme, die einen inneren Teamkonflikt hinsichtlich des Geschlechtsverkehrs vor der Ehe hat, möchte ich hier das Beispiel einer inneren Teamkonferenz zitieren, das der o. g. Kommunikationsprofessor in seinem Buch anführt, da ich es besser nicht zusammenfassen könnte:

Mitwirkende: Ein Pflichtbewusster (kurz Pflicht), ein Faulpelz, ein Gesundheitsexperte (kurz: Gesund-Ex), das Oberhaupt.

Ein Mensch plant seinen Nachmittag. Unversehens gerät er dabei in folgende (innere) Diskussion:

Pflicht (zum Oberhaupt): Heute müssen wir aber unbedingt mal wieder Tante Anni im Krankenhaus besuchen!

Faulpelz: Lust habe ich nicht, ehrlich gesagt.

Pflicht: Mal wieder typisch: Deine Bequemlichkeit geht dir über alles; hast du mal dran gedacht, wie Tante Anni dort tagein, tagaus einsam im Bett herumliegt? Und wir waren in all den Wochen erst ein ein-zi-ges Mal – ich wiederhole: ein einziges Mal – bei ihr!

Faulpelz: Ich sage ja nur! Außerdem fühle ich mich heute nicht so besonders.

Gesund-Ex (springt dem Faulpelz bei): Tatsächlich, der Hals! Da ist eine dicke Erkältung im Anzug. – Vielleicht wirklich kein guter Besuchstag: Sie könnte sich anstecken.

Pflicht: Ach was!

Faulpelz (spitzbübisch): Nicht “ach was!” Das ist doch echt kein Liebesdienst, wenn Anni sowieso schon krank ist und dann auch noch eine Grippe kriegt, nur weil wir ihr als lebende Bakterienschleuder unbedingt das Händchen halten mussten! Das ist kein Besuch, das ist ein Attentat!

Pflicht: So weit kommt es noch, dass du deinen Egoismus auch noch als Rücksicht ausgibst, du alter Spitzbube!

Oberhaupt (greift ein): Gut, ein Spitzbube ist er. Aber ich möchte nicht den Gesundheitsexperten übergehen, nur weil sein Hinweis dem Faulpelz in den Kram passt. Die Gefahr, dass wir sie unnötig anstecken, ist vielleicht wirklich nicht von der Hand zu weisen.

Faulpelz: Eben!

Oberhaupt: Vielleicht meldet sich Faulpelz auch darum so deutlich, weil es uns wirklich nicht so gut geht. 

Faulpelz: Ganz genau! 

Pflicht: Der hätte sich auch sonst gemeldet! Der meldet sich immer, wenn er auf irgendetwas keinen Bock hat!

Oberhaupt (zum Pflichtbewussten): Trotzdem, hack auf dem Faulpelz nicht so herum! Er hat seine Verdienste, denn du und deine pflichtbewussten Mannschaftskameraden, ihr habt ja das Heft normalerweise recht fest in der Hand. Ohne Bruder Faulpelz wären wir nur noch am Wirbeln!

Pflicht: Arme Tante Anni!

Oberhaupt: Ich stimme dir im Prinzip völlig zu, dass unser Besuch überfällig ist – und ich finde gut, dass du mich erinnert hast.

Faulpelz: Jetzt waren wir so lange nicht da, da kommt es auf ein paar Tage auch nicht mehr an!

Oberhaupt: Nein, Faulpelz, so beliebig ist das nicht, da hat Pflicht völlig recht. Aber (an Pflicht): Wärst du einverstanden, wenn wir es heute noch einmal verschieben?

Pflicht: Du musst es vor deinem Herrgott verantworten!

Oberhaupt: Der Herrgott wäre, soweit ich ihn kenne, einverstanden. Aber du wirst mir mit schlechtem Gewissen die Hölle heiß machen, so wie ich dich kenne. Deswegen ganz direkt gefragt: Unter welcher Bedingung wärst du allenfalls bereit zu verschieben?

Pflicht: Allenfalls, wenn wir sofort einen verbindlichen Ersatztermin in den Kalender eintragen. Sonst schiebt ihr es mit vereinten Kräften auf die lange Bank!

Oberhaupt: Guter Vorschlag! (Zum Gesundheitsexperten): Wann, denkst du, sind wir wieder fit und für Tante Anni keine Ansteckungsgefahr mehr?

Gesund-Ex: In 4 bis 5 Tagen, schätze ich.

Oberhaupt: Also Freitag Nachmittag 17 Uhr trage ich ein. 

Faulpelz: Freitags bin ich immer so erschossen!

Oberhaupt: Du bist jetzt still und genießt deinen freien Nachmittag! Und keine Sorge! Am Freitag werde ich dir einen kleinen Tritt geben, der macht müde Männer munter, weißt du? 

Pflicht (kriegt wieder etwas Oberwasser): Ja, so kommen wir gut miteinander aus!

Ende der Teamkonferenz

Im wirklichen Leben kann es genauso und doch ganz anders ablaufen. Die “Beiträge” kommen nicht so wohl formuliert, vielleicht überhaupt nicht derart sprachlich ins Bewusstsein – vielmehr sind es Gedanken- und Gefühlsfragmente, die durch die Seele huschen. Manches aktualisiert sich gleichzeitig, was in unserer Beispielkonferenz schön der Reihe nach geäußert wird. Dennoch meine ich, dass das Geschehen in unserem Inneren genau diesen Konferenzcharakter mit mehreren Beteiligten aufweist. 

Und die Rolle des Oberhaupts darin? Das Oberhaupt zeigte sich von mehreren Seiten: Es hörte zu, nahm auf, ließ sich beeindrucken. Aber es griff auch ordnend und zurechtweisend ein, es entschied von einer reflektierenden Metaposition über die Angemessenheit von Beiträgen. Und es war um eine Lösung bemüht, die möglichst viel von der in den Beiträgen enthaltenen Substanz zu berücksichtigen suchte. Es kannte seine Pappenheimer, nahm eine wohlwollende und würdigende Haltung ihnen gegenüber ein, wusste ihre Macht einzuschätzen, ließ sich von ihnen aber nicht willenlos auf der Nase herumtanzen, war der inneren Dynamik nicht erlegen, sondern blieb steuernder Moderator des Geschehens.

Wäre eine funktionierende innere Teamkonferenz, die gleichzeitig ein authentisches Handeln nach sich zieht, weil allen inneren Teammitgliedern Rechnung getragen wird, bei unserer Schwester überhaupt möglich?

Grundsätzlich schon – gäbe es da nicht EIN Problem: die theokratische Stimme im inneren Team. Wie das Beispiel von Friedemann Schulz von Thun gezeigt hat, setzt eine geglückte innere Teamkonferenz eine Kompromissbereitschaft bei den einzelnen Teammitgliedern voraus. Diese ist bei dem theokratischen Teammitglied jedoch nicht gegeben, wenn es sich um Entscheidungen handelt, die gegen das Logikgebäude der Zeugen Jehovas und die damit in Verbindung stehenden Regeln und Gesetze verstoßen würden. Das theokratische Teammitglied scheint also eine Sonderstellung einzunehmen, die einer authentischen Handlungsweise entgegensteht. Diesen Fakt werden wir im Laufe des Artikels noch vertiefen.

Wäre das theokratische Teammitglied eine “normale” kompromissbereite innere Stimme wie alle anderen, könnte die authentische Lösung für die Schwester wie folgt lauten (in Klammern die teilbefriedigten Teammitglieder):

Sie vereinbart mit dem Partner, sofort Geschlechtsverkehr mit Kondom zu haben (die Nymphomanin, die Soziale, die Vorsichtige) bittet ihn aber, ihr vorher zu versprechen, dass sie kurz nach der Eheschließung innerhalb von maximal 2 Jahren ein Kind zeugen werden und dass er beim Sex extrem behutsam vorgeht (die Mutter, die Wehleidige, der Moralapostel). Außerdem muss das Ganze an einem Ort geschehen, wo weder seine noch ihre Eltern etwas mitkriegen könnten (die Soziale, die Vorsichtige). Um einer kompromissbereiten “Version” des theokratischen Teammitglieds entgegenzukommen, könnte sie mit ihrem Partner vereinbaren, dass sie es nur dieses eine Mal vor der Ehe tun (die kompromissbereite theokratische Stimme).

Ich hoffe, der entscheidende Punkt ist deutlich geworden:

Das theokratische Teammitglied ist natürlich nicht wie in dieser fiktiven Lösung kompromissbereit, was authentisches Handeln verhindert (sofern auch gegensätzliche Stimmen existieren). Einmal Sex vor der Ehe wäre für dieses Mitglied bereits undenkbar. Hätte die Schwester das kompromisslose Teammitglied jedoch verdrängt und einfach übergangen, würde es sich spätestens nach dem Sex vehement zurückmelden und der Schwester die Hölle in Form von schwersten Gewissensbissen heiß machen.

Oliver Wolschke kann ein Lied davon singen. In seinem Buch “Jehovas Gefängnis” beschreibt er seine Gefühle ab Seite 127, nachdem er sein theokratisches Teammitglied verdrängt und erneut Sex mit einer Frau gehabt hatte, mit der er nicht verheiratet war:

Die Ereignisse zogen mir komplett den Boden unter den Füßen weg. Nach der Trennung fiel ich in ein tiefes Loch. Ich hatte meine Freundin verloren und war zum Wiederholungstäter geworden, der sich innerhalb eines halben Jahres zum zweiten Mal vor Jehova versündigt hatte. Meine depressiven Gedanken wurden in kürzester Zeit so stark, dass in mir mehr und mehr der Wunsch aufkam zu sterben. Ich hatte keinen Bock mehr auf die Arbeit, wollte nur noch in meiner kleinen Wohnung vor mich hin vegetieren. Mein Hals schnürte sich regelmäßig zu, ich konnte es kaum noch ertragen mit all dem weiterleben zu müssen. Ich schrie innerlich, ohne einen Ton von mir zu geben. Ich narkotisierte meine Gedanken regelmäßig mit Alkohol und blieb immer öfter der Arbeit fern. Um nicht aufzufallen, ging ich weiterhin zur Versammlung, aber jedes Mal hatte ich dort das Gefühl, dass ich es nicht länger wert wäre, ein Zeuge Jehovas zu sein. […] Von der Arbeit besorgte ich mir Rasierklingen, was mich zunächst beruhigte, da ich ein Werkzeug hatte, mit dem ich meinem Leben jederzeit ein Ende hätte setzen können. Irgendwann betrank ich mich mit Wein, ließ Wasser in die Badewanne laufen, legte mir die Klinge auf die Kante und fing an, mich zu ritzen. Ich wusste, dass ich mich längs an den Pulsadern aufschneiden musste, doch ich tat es nie so tief, dass mein Leben ernsthaft in Gefahr geraten wäre. Es gab mir jedoch ein befreiendes Gefühl, dass ich vielleicht versehentlich tiefer in die Haut geraten könnte. Die Narben erinnern mich bis heute an diese Zeit.

Ein innerer Konflikt kann somit dramatische Folgen haben! Sofern ein kompromissloses theokratisches Teammitglied Eingang in die Psyche einer Person gefunden hat, ist eine erfolgreiche Teamkonferenz in den meisten Fällen nicht mehr möglich.

Schauen wir uns an, wie das optimale theokratische Teammitglied aus Sicht der Wachtturm-Gesellschaft beschaffen sein sollte. Im Wachtturm vom 01.11.1957 war in dem Artikel “Glücklich jene, die sich nicht auf Kompromisse einlassen” die deutliche Aussage zu lesen:

Die Gegenwart ist eine Zeit des endgültigen Gerichts. Das ewige Leben ist in der Schwebe. Denke an Gottes Dinge und laß dich von diesen beherrschen. Gewinne ewiges Leben, indem du niemals Kompromisse eingehst, durch die christliche Grundsätze gefährdet werden.Wachtturm vom 01.11.1957

An dieser als Optimum vorgegebenen persönlichen Einstellung eines Zeugen Jehovas hat sich bis heute nichts geändert. Wer Kompromisse eingeht, bleibt aus Sicht der Wachtturm-Gesellschaft Jehova nicht treu und wird unweigerlich in Harmagedon gerichtet, wenn er nicht bereut und umkehrt.

Innere Machtübernahme

Jemand könnte nun einwenden, dass es sicherlich auch andere Personen außerhalb von Kulten mit inneren kompromisslosen Teammitgliedern gebe. Somit könne das kein Kennzeichen von Bewusstseinskontrolle sein. Mit dieser Argumentation hätte die Person recht. Das allein ist noch nicht ausreichend.

Tatsächlich kann es bei jedem vorkommen, dass ein inneres Teammitglied nicht nur kompromisslos ist, sondern sogar das Oberhaupt beherrscht (was es mehr oder weniger automatisch tut, wenn es immer seinen Willen vollumfänglich durchsetzt). Ein Gedanke, zu dem das obige Zitat aus dem Wachtturm sogar ermuntert (… lass Dich von Gottes Dingen beherrschen!).

Friedemann Schulz von Thun beschreibt einen solchen inneren Zustand mit den Worten:

Die entscheidende Voraussetzung für eine wirksame Selbstführung ist die Wahrung bzw. Erlangung einer souveränen Metaposition: dass das Oberhaupt wirklich “über dem Ganzen” steht und sich nicht im Getümmel der Gegensätze parteiisch verstrickt. Diese fundamentale Annahme findet sich nicht nur bei Assagioli und Ferrucci (Psychosynthese), sondern auch bei H. und S. Stone (1994; Voice-Dialogue) und bei Schwartz (1997; innere Familientherapie).

Verschmelzung des Oberhaupts mit einzelnen Mitgliedern

Aber warum ist dies so wichtig zu betonen, so wichtig anzustreben? Ist diese Grundgegebenheit nicht Teil unserer seelischen Gesamtkonstruktion? Offenbar nicht. Mehr oder minder ist das Oberhaupt, unbewusst oder machtvoll unter Druck gesetzt, an der inneren seelischen Gruppendynamik beteiligt. Und zwar in der Weise, dass es mit einem oder mehreren Teammitgliedern so stark identifiziert ist, dass wir geradezu von einer Verschmelzung sprechen können. Eine solche Überidentifikation liegt, wie wir noch sehen werden (Kapitel 4), besonders nahe mit solchen Mitgliedern, die entweder große Verdienste im Überlebenskampf erworben haben oder die das Ich-Ideal (= wie ein Mensch sein sollte) in besonders reiner Weise verkörpern. Wenn in unserem Musterbeispiel “Tante Anni” (S. 99ff.) das Oberhaupt mit dem Pflichtbewussten identifiziert und verschmolzen gewesen wäre, hätte es die beiden anderen Mitglieder, den Faulpelz und den Gesundheitsexperten, nur als Allianz “innerer Schweinehunde” diskreditieren können, als solche, die es unbedingt “zu überwinden” galt. Und sofort wäre das Oberhaupt in die innere Polarisierung verstrickt gewesen, hätte die beschriebene Moderation als Führungsaufgabe nicht wahrnehmen können.

Diesen Vorgang der identifizierenden Verschmelzung visualisiert Abbildung 28 in der Weise, dass das Oberhaupt als (unbewusster) Urheber dieses Vorgangs erscheint. In anderen Fällen jedoch scheint eher die Vorstellung am Platz, dass die Verschmelzung von einem sich kraftvoll aufdrängenden Teammitglied ausgeht, welches unerbetenerweise die Kommandobrücke besetzt und den Kapitän dort derart belagert, dass er seine Souveränität verliert und schließlich sagt und fühlt: “Ich bin (depressiv, ehrgeizig, beleidigt…).” Handelt es sich im ersten Fall um einen Liebling des Chefs, so handelt es sich hier um einen ungeliebten Aufdringling.”

 

Bei einem Zeugen Jehovas bzw. Kultmitgliedern im Allgemeinen können somit drei verschiedene Zustände im Hinblick auf die innerseelische Dynamik zwischen Oberhaupt und theokratischem Teammitglied (oder wie immer man es passend zu dem betroffenen Kult bezeichnen will) vorliegen:

  1. Die Überidentifizierten: Weil die theokratische Lebensweise als “Ich-Ideal” angesehen wird, verwischen die Grenzen zwischen dem Teammitglied und dem Oberhaupt. Letzteres sieht die “Machtübernahme” grundsätzlich als etwas Positives an (obwohl sie unbewusst erfolgt). Die Person überidentifiziert sich mit dem theokratischen Teammitglied, versucht daher, unerwünschte “sündige” Regungen (Teammitglieder) zu unterdrücken und merkt gar nicht, dass das Oberhaupt und das theokratische Mitglied dabei als Einheit agieren – ja eins geworden sind.
  2. Die Belagerten: Die “Machtübernahme” wird vom Oberhaupt eher als Belastung empfunden und zähneknirschend hingenommen, da die Folgen andernfalls unerträglich wären und das vermeintlich ewige Leben verloren ginge (dieser Gruppe muss wohl Oliver Wolschke zugerechnet werden). Das Oberhaupt wird vom theokratischen Teammitglied belagert, der Betroffene leidet darunter und fühlt sich “gefangen”. Dennoch kann die Person beide inneren Entitäten nicht bewusst trennen, so dass auch hier ein ähnlich verschmolzener Zustand wie bei der ersten Gruppe vorliegt.
  3. Die Authentischen: Bei der dritten Gruppe kommt es gar nicht erst zu einer Verschmelzung von Teammitgliedern mit dem Oberhaupt. Letzteres kann sich – wenn nötig – disidentifizieren und der Betroffene behält das Bewusstsein, dass das theokratische Teammitglied nur ein Teil von ihm ist. Oftmals gelingt eine Teamkonferenz und innere Kompromisse werden geschlossen. Die Person kann weiterhin authentisch handeln. Die Kultmitgliedschaft wird zu keiner Zeit oder nur sehr selten als belastend empfunden.

Man könnte also sagen, dass die Überidentifizierten und Belagerten jeweils unerwünschte Stimmen verdrängen, missachten und unterdrücken und die Authentischen alle Mitglieder im inneren Team in die Entscheidungsfindung einbinden.

Ich selbst gehörte Gruppe 3 an, würde aber sagen, dass die meisten Zeugen Jehovas den Gruppen 1 und 2 zuzuordnen sind.

Spätestens nach Beschäftigung mit dem Modell vom inneren Team konnte ich früher das theokratische Teammitglied immer als eines von vielen wahrnehmen und vernünftige Kompromisse mit ihm und den anderen Teammitgliedern schließen. Dies führte in einer Situation dazu, dass ich meiner Mutter empfahl, einen “Weltlichen” zu heiraten, mit dem sie nach ihrer Wiederaufnahme in die Gemeinschaft aus emotionalen Gründen nicht “Schluss machen” konnte. Ich hielt es für vernünftig, ihr zu raten, die Sache zu “legalisieren”, statt sich weiterhin heimlich zu treffen. Das tat sie dann auch, heiratete den Weltlichen und durfte zur Strafe 2 Jahre im Versammlungsorchester nicht mitflöten. Anschließend war die Angelegenheit jedoch erledigt. Der Rat der Wachtturm-Gesellschaft hätte hingegen gelautet: Keine Kompromisse eingehen und den Kontakt zu dem Weltlichen rigoros abbrechen. Das hielt ich jedoch für unvernünftig unter Berücksichtigung aller Umstände. Schließlich befanden sich in meiner Mutter auch Teammitglieder, die nicht Schluss machen wollten.

So ging ich auch mit Entscheidungen in meinem eigenen Leben um: Was ich selbst für unvernünftig hielt, habe ich nie umgesetzt – entgegen aller biblischer Anweisungen und Regeln aus den Publikationen. Dabei habe ich immer gedacht: “Wenn Jehova das wirklich will, dann ist er unvernünftig. Also muss es anders sein und die Leitende Körperschaft irrt sich.” So konnte ich bis zu meinem “Erwachen” absolut authentisch handeln und musste anschließend mein Leben keinen Deut umstellen. Dies zeigt, dass ich offenbar gegen eine Verschmelzung von theokratischem Teammitglied und Oberhaupt sowie gegen Belagerungsambitionen immun war. Es bleibt Gegenstand der Forschung, worin die Gründe hierfür zu suchen sind (ggf. liegt es am Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl).

Erst später stellte ich fest, dass die meisten Zeugen im Gegensatz zu mir von einer Überidentifikation des Oberhaupts mit dem theokratischen Teammitglied betroffen sind. 

Friedemann Schulz von Thun beschreibt das so:

Identifikation und Disidentifikation 

Dies sind zwei verschiedene Daseinsformen des Oberhaupts in Bezug auf seine Mitglieder:

Identifikation liegt vor, wenn das Oberhaupt in die Haut seines Mitglieds hineinschlüpft und es als Teil von sich selbst erkennt und anerkennt: “Es ist ein Teil von mir!”

Disidentifikation hingegen liegt vor, wenn das Oberhaupt Abstand nimmt, sein Teammitglied von außen betrachtet und das Bewusstsein entwickelt: “Es ist nur ein Teil von mir!” 

Beide Sätze betonen einen Teilaspekt der Gesamtwahrheit, und sowohl therapeutisch als auch im Alltagsleben ist immer ein Pendeln zwischen Identifikation und Disidentifikation angezeigt. Erstere verhindert die Abspaltung eines Teammitglieds, seine Ausgrenzung als Fremdkörper; letztere erlaubt den inneren Abstand zu sich selbst und verhindert eine Verschmelzung des Oberhaupts mit einem dominanten Teilnehmer. Im Wertequadrat (s. “Miteinander reden 2”, S. 43-63) ausgedrückt: 

Die pädagogisch-therapeutischen Interventionsrichtungen (Pfeile) zielen, je nach seelischem Ausgangszustand, auf das gegenläufige Prinzip. Assagiolis Empfehlung verläuft von unten links nach oben rechts in Richtung Disidentifikation, wenn es darum geht, das Oberhaupt, das wachsame Selbst, wie er es nennt, im Kampf mit unliebsamen Widersachern zu stärken: “Wir werden beherrscht von allem, womit sich unser Selbst identifiziert. Wir können alles beherrschen und kontrollieren, von dem wir uns Disidentifizieren.” Und er erläutert: “In diesem Prinzip liegt das Geheimnis unserer Versklavung oder unserer Freiheit. Jedes Mal, wenn wir uns mit einer Schwäche, einem Fehler, einer Furcht oder einem persönlichen Gefühl oder Impuls ‘identifizieren’, begrenzen und lähmen wir uns. Jedes Mal, wenn wir eingestehen: ‘Ich bin entmutigt’ oder ‘Ich bin irritiert’, werden wir mehr und mehr von Niedergeschlagenheit oder Ärger beherrscht. Wir haben diese Begrenzungen akzeptiert; wir haben uns selbst unsere Fesseln angelegt. Wenn wir stattdessen in derselben Situation sagen: ‘Eine Welle von Entmutigung versucht mich zu überfluten’, so ist die Situation völlig anders. Dann gibt es zwei Kräfte, die einander gegenüberstehen: auf der einen Seite unser wachsames Selbst, auf der anderen Entmutigung oder Ärger. Und das wachsame Selbst unterwirft sich dieser Invasion nicht; es kann objektiv und kritisch jene Impulse von Entmutigung oder Ärger überprüfen: Es kann ihren Ursprung ermitteln, ihre ungünstigen Wirkungen voraussehen und sich ihre Unbegründetheit bewusst machen. Das reicht oft aus, um einem Angriff solcher Kräfte zu widerstehen und den Kampf zu gewinnen.

Auch wenn es bei der inneren Teamkonferenz eher um eine Einigung als um einen Kampf geht, so kann es für manche Zeugen Jehovas tatsächlich einen solchen bedeuten, um ein seelisches Gleichgewicht wiederzuerlangen und authentisch handeln zu können. 

Die Folgen einer unbewussten, dauerhaften, unfreiwilligen Überidentifikation des Oberhaupts mit einem Teammitglied

Schauen wir uns an, wie Schulz von Thun das Thema abschließt:

Ich fasse zusammen: Das Oberhaupt kann zu seinen Mitgliedern in zweierlei Weise in Kontakt treten. Durch bewusste und freiwillige Identifikation macht es sich die seelische Qualität des Erwählten zu eigen, geht darin auf. ‘Geh da mal ganz hinein in diese Wut’, sagt z.B. ein Therapeut zu einem aggressionsgehemmten Klienten, sobald dieser doch einmal ein wenig Wut in sich spürt. Oder wir sagen von uns selbst: ‘Ich habe mich da so richtig hineinplumpsen lassen!’ – und meinen vielleicht eine bestimmte Stimmung, der wir uns hingaben, statt dagegen anzugehen. Solange diese Identifikation bewusst, wahlweise und vorübergehend vollzogen wird, ist sie ein wichtiger Vorgang der Selbsterfahrung und der Integration innerer Außenseiter. Auch im Kontakt mit anderen Menschen kann es heilsam sein, vorübergehend einmal EINER Stimme freien Lauf zu lassen, wohl wissend, dass sie nicht alle Aspekte des eigenen Empfindens abdeckt. Wenn die Identifikation aber als unbewusste und chronische Verschmelzung vonstatten geht oder wenn sich das Oberhaupt einer hartnäckigen Belagerung nicht erwehren kann, dann sind seine Führungsqualitäten drastisch eingeschränkt, und die Chance zur Teambildung ist gesunken. Durch den gegenläufigen Vorgang der Disidentifikation (Abgrenzung) kann das Oberhaupt sich von solchen Belagerern wieder befreien und sich als eine übergeordnete, nicht-verstrickte Instanz wiederfinden, die den Gesamtüberblick hat und zu den einzelnen Teammitgliedern aus einer gewissen Distanz freundlichen Kontakt aufnimmt (s. Schwartz 1997, S. 169ff.). Im gelungenen Wechsel von Identifikation und Abgrenzung liegt ein Schlüsselprinzip für den heilsamen Umgang mit sich selbst.

Identifikation und Disidentifikation müssen somit bewusst, freiwillig und vorübergehend erfolgen, um eine heilsame Wirkung zu entfalten. Kennzeichen der Bewusstseinskontrolle ist hingegen, dass diese zu einer unbewussten, oftmals nicht freiwilligen und vor allem lebenslangen Überidentifikation des Oberhaupts mit dem theokratischen Teammitglied führen kann. Das  wiederum hat negative Auswirkungen, da die Person selten authentisch handeln kann und “sündige” Teammitglieder einfach “mundtot” gemacht werden. Die Folgen verdrängter und nicht gehörter Teammitglieder können dramatisch sein, wie das Beispiel von Oliver Wolschke zeigt. Während ein Zeuge kurz nach der Taufe noch frohen Mutes ist und alle unerwünschten Regungen verdrängt, bildet sich im Laufe der Zeit eine durch die missachteten Teammitglieder verursachte “Untergrundbewegung”.

Friedemann Schulz von Thun beschreibt diese so:  

Untergrundbewegung 

Bleiben die verbannten, die abgespaltenen Antipoden, unerhört, fangen sie an, sich unerhört zu benehmen: sie verbinden sich und gründen eine Untergrundbewegung, die zu manchen Sabotageakten fähig ist. Sie gehen uns vielleicht an die Nieren oder sitzen uns im Nacken oder liegen uns auf dem Magen. Vielleicht vermasseln sie uns den Erfolg, lassen uns Fehler machen, hindern uns daran, in allen Lebenslagen ‘optimal zu funktionieren’ . – Das kann man nun so oder so sehen: als üblen Racheakt oder als weisen Liebesdienst, um uns ein sogenannt erfolgreiches Leben ohne Tiefe, ohne Liebe und ohne Sinn zu ersparen. Auf jeden Fall muss mit dieser Untergrundbewegung gerechnet werden. In seltenen, spektakulären Fällen bricht mal einer aus und läuft Amok, so wenn jemand, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, plötzlich wie wild mit einem Messer um sich sticht und hinterher fassungslos die Urheberschaft seiner Tat leugnet: ‘Das war ich nicht, irgendein fremder Dämon ist über mich gekommen und hat von mir Besitz ergriffen!’ Neben dieser Dämonisierung und der zuvor erwähnten Psychopathiesierung kann auch mit einer Devitalisierung gerechnet werden: Die abgespaltenen Antipoden vereinigen sich zu einer Untergrundbewegung namens ‘Depression’ oder ‘Burnout’ (berufliches ‘Ausbrennen’). Das ständige Niederhalten ihrer Energie und Gefühlsintensität muss mit viel Gefühllosigkeit und seelischer Erschöpfung bezahlt werden. […] 

Am Anfang dieser Entwicklung identifiziert sich unser Ich (das Oberhaupt) ausschließlich mit den Hauptdarstellern – und fühlt sich auch so (s. Abb. 69a). In dem Maß aber, wie die Untergrundbewegung an Boden gewinnt, bindet ihre Niederhaltung mehr und mehr Energie, mit der Folge, dass Vitalität und innere Lebendigkeit verlorengehen (s. Abb. 69b). Auch die zwischenmenschlichen Kontakte verlieren an Tiefe, weil sich ja nur die ‘halbe Portion’, die Vorderseitenhälfte der Persönlichkeit, in die Beziehungen einbringt. So entsteht ein Teufelskreis, weil tragenden Beziehungen normalerweise die Heilkraft innewohnt, verbannte Mitglieder zu befreien. In der Endphase dieser unheilvollen Entwicklung haben die Untergründigen eine ’innere Machtergreifung’ in der Weise vollzogen, dass Sie den gesamten Innenraum, das gesamte Lebensgefühl, mit ihrer ungelebten Energie, mit ihrer Depression ausfüllen, so dass die einstmals strahlenden Hauptdarsteller nun ihrerseits verdrängt werden und allenfalls noch eine Zeitlang als unechte, gespielte Fassade ein Scheinleben fristen. Wer in dieser Phase eine Psychotherapie aufsucht, sagt von sich: ‘Ich spiele tagsüber den gut gelaunten, dynamischen Alleskönner, aber innen drin fühlt sich alles trostlos, sinnlos und kraftlos an!’ Eine enorme seelische Kraft ist nötig, um die Fassade noch aufrechtzuerhalten; der Griff zu Medikamenten, Drogen und Alkohol kann den Zusammenbruch allenfalls verzögern. Bei Menschen mit sehr starker Kondition kann sich dieser Zustand aber auch verewigen.

Die permanente Unauthentizität der Überidentifizierten und Belagerten kann also sogar gesundheitliche Probleme nach sich ziehen. Warum gibt es dann Zeugen Jehovas, die diesen Gruppen angehören, jedoch ein scheinbar glückliches Leben führen? Auch das ist tatsächlich möglich und muss individuell beurteilt werden.

Zum Beispiel ist es denkbar, dass die Lebensumstände und die Persönlichkeit einer Person so beschaffen sind, dass diese nicht oder kaum in Konflikt mit dem theokratischen Teammitglied geraten. Oder anders ausgedrückt: Es gibt hier in den meisten Situationen kaum Teammitglieder, die verdrängt oder übergangen werden müssten. Auch dies kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich war von Natur aus jemand, der nicht den Drang hatte, Drogen zu nehmen, zu stehlen, zu lügen oder andere unbiblische Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Alkohol reizte mich gar nicht, eine Zigarette hätte ich niemals probieren wollen und ich war auch nicht der Typ, der in der Gegend “herumhuren” musste. Außerdem liebte ich es, gegen den Strom zu schwimmen, so dass es mir beispielsweise sogar Vergnügen bereitete, in der Klasse richtig herum zu sitzen, nachdem alle anderen Schüler beschlossen hatten, sich falsch herum zu setzen, weil der Lehrer den Abi-Streich nicht mitgemacht hatte. Wer in diesem Sinne von Natur aus “gerne” aus der Reihe tanzt, um rigoros dem zu folgen, was er selbst für richtig hält, kommt natürlich viel seltener in einen inneren Konflikt mit dem theokratischen Teammitglied (und hat es später auch beim Ausstieg leichter, wenn er plötzlich etwas anderes für richtig hält).

All dies führt dazu, dass jede Person individuell mehr oder weniger vom Kult (aka dem theokratischen Teammitglied) kontrolliert werden kann.

Ein Belagerter kommt wie Oliver Wolschke hingegen häufiger in die Situation, dass verdrängte Teammitglieder unkontrolliert ausbrechen, weil das Oberhaupt durch die Verschmelzung mit dem kompromisslosen Teammitglied aufgrund unerwünschter Belagerung so viel Energie verliert, dass es das „Heft“ nicht mehr adäquat in der Hand halten kann. Dadurch wird dann auch das theokratische Teammitglied geschwächt und muss seine Energie auf das unbewusste „Gerangel“ mit dem Oberhaupt richten. Derartige Situationen sind aber nur temporär “angenehm” für den Betroffenen, da sich der Theokratische im inneren Team mit einem unermesslich großen schlechten Gewissen zurückmeldet und das Oberhaupt wütend anklagt, nachdem andere Teammitglieder vollumfänglich ihren Spaß hatten. Das Oberhaupt sitzt im übertragenen Sinne anschließend nur noch in der Ecke und gesteht seine Schuld ein (wie das obige Zitat aus Oli’s Buch sehr schön veranschaulicht). Es gibt sogar belagerte Oberhäupter, die es schaffen, das theokratische Teammitglied für längere Zeit zu verdrängen und einen Wechsel zwischen beiden Daseinsformen (mit / ohne den Theokratischen) zu erzielen. Dies kann sich bis hin zu einer dissoziativen Identitätsstörung entwickeln, durch die der Theokratische so stark von den anderen Teammitgliedern abgeschottet wird, dass geradezu zwei Persönlichkeiten entstehen, zwischen denen das Oberhaupt unbewusst hin- und her pendelt und die voneinander nichts mehr wissen.

Natürlich sind auch Mischformen der drei Varianten denkbar, die teilweise – je nach Situation – und auch über Jahre langsam wechseln können. Es ist allerdings so, dass eine Tendenz zu einer bestimmten Zeit vorherrschend ist und sich vermutlich jeder Leser in eine der drei Kategorien einordnen kann.

Zwischen dem Grad der Kontrolle durch den Kult und den o. g. drei Kategorien von Kultmitgliedern gibt es folgenden Zusammenhang:

Ziel eines Kults ist immer, möglichst eine Überidentifikation des Indoktrinierten mit seinem theokratischen Teammitglied zu erreichen. Sobald das Oberhaupt und das erwähnte Mitglied eins sind, wird die betroffene Person kompromisslos alle anderen Teammitglieder mundtot machen, sofern Entscheidungen anstehen, die die Doktrin berührt. Derjenige wird also schlimmstenfalls in höchstem Maße unauthentisch handeln, wenn Lebensumstände und Beschaffenheit der anderen Teammitglieder nicht zufällig dazu führen, dass das Gros der inneren Stimmen auch in die Richtung der Meinung des theokratischen Mitglieds tendiert. Allerdings wird die Person in jedem Falle das subjektive Gefühl haben, die Entscheidung als Oberhaupt aus freien Stücken getroffen zu haben, weil die Verschmelzung mit dem theokratischen Teammitglied unbemerkt bleibt und vom Oberhaupt sogar positiv betrachtet werden würde (Anstreben eines Ich-Ideals).

Als Belagerter hingegen kann sich der Betroffene der Dominanz des Belagerers nicht erwehren und verliert daher die Möglichkeit, seine innere Teamführung adäquat auszuüben. Die Kontrolle des Kults ist noch immer recht hoch, aber nicht so hoch wie bei den Überidentifizierten. Dafür ist der Leidensdruck wesentlich größer. Es bedeutet für eine solche Person einen täglichen Kampf und eine ungeheure Kraftanstrengung, alle inneren Stimmen “bei Laune” zu halten. Wie das Beispiel von Oliver Wolschke gezeigt hat, gelingt das oft nicht, einige innere Kandidaten machen sich selbständig und leben in Reinkultur das aus, was sie gerne möchten. Das ist ebenfalls unauthentisch, weil hier das theokratische Teammitglied übergangen wird, und im Prinzip nur das andere Extrem.

Bei den Authentischen hingegen ist das theokratische Teammitglied nur eines von vielen, erhält wie alle anderen Stimmen eine Teilbefriedigung und wird gut vom Oberhaupt geführt. Der Einfluss des Kults ist zwar auch hier spürbar, er kann seine Agenda jedoch nur teilweise durchsetzen. Die Kontrolle ist daher deutlich geringer.

Der Kern der Bewusstseinskontrolle

Nachdem wir uns nun mit dem Modell vom inneren Team beschäftigt haben, können wir wesentlich detaillierter beschreiben, was Bewusstseinskontrolle ist, wie sie funktioniert und die anfangs gestellten Fragen beantworten.

Fassen wir daher zusammen:

In der Phase der Indoktrination beschäftigt sich die betroffene Person mit der Doktrin des Kults. Hier wird bereits der Grundstein eines kompromisslosen Teammitglieds gelegt. Sind die Ansichten der Gruppe so gestaltet, dass Kompromisse negativ bewertet werden und “Treue bis in den Tod” gefordert wird, entwickelt sich nämlich nach und nach ein Teammitglied, welches genau diese kompromisslose Einstellung vertritt. Es wird immer weiter kultiviert und erstarkt im Laufe der Zeit mehr und mehr. Wie genau das funktioniert, wird Thema eines anderen Artikels sein. Im Laufe der Etablierung des kompromisslosen Teammitglieds trifft dieses auf individuelle Lebensumstände und die Persönlichkeit (die anderen Teammitglieder) des Tauf-Anwärters. Dadurch bildet sich im Laufe der Zeit eine der drei oben besprochenen innerseelischen Varianten heraus.

Bei der sich typischerweise am häufigsten entwickelnden Form – den Überidentifizierten – fungiert das theokratische Teammitglied als Trojaner, also als leere Hülle, die mit einer beliebigen Doktrin des Kults “gefüllt” werden kann und diese dann innermenschlich kompromisslos durchsetzt.

Daher entscheidet – technisch gesehen – die Person zwar selbst. Ob dieser Wille jedoch wirklich frei ist, ist fraglich. Immerhin wurde der Trojaner unbemerkt eingepflanzt und ab einem bestimmten Grad der Indoktrination ist das theokratische Teammitglied unbewusst so weit mit dem Oberhaupt verschmolzen, dass es kein Zurück mehr gibt. Derjenige entscheidet zwar weiterhin selbst, aber schlimmstenfalls vollständig gesteuert durch die Doktrin des Kults und den Theokratischen im inneren Team. Ändert sich die Lehre, ändert sich auch das Verhalten der Person automatisch mit. Dadurch entsteht der marionettenähnliche Eindruck, den Kultmitglieder meist auf andere machen. Geht es jedoch um Entscheidungen, die von der Doktrin nicht berührt werden, handelt die Person vollkommen normal, da sich das theokratische Teammitglied dazu einfach nicht meldet bzw. äußert.

Man könnte also sagen, dass bei Bewusstseinskontrolle nicht der Kult, sondern in erster Linie dessen Doktrin ein Teammitglied des Indoktrinierten (welches kompromisslos ist)  mit “ideologischem Leben” füllt. Dieses ist in der Lage, innerseelisch die gesamte Person zu steuern, weil seine Ansicht zu 100% durchgesetzt werden muss, keine Teamkonferenzen mehr möglich sind und das Oberhaupt nicht merkt, dass es sich mit diesem Teammitglied überidentifiziert hat – ja mit ihm verschmolzen ist. Das Ich-Ideal wird zwar erreicht, aber unterdrückte Stimmen können auch hier eine Untergrundbewegung ins Leben rufen, die für die Person unerklärliche gesundheitliche Probleme nach sich ziehen kann. Das gesamte Kult-Leben ist darauf ausgerichtet, dieses Teammitglied zu stärken und am Leben zu erhalten, seinen Einfluss noch zu vergrößern und seine Einstellung noch kompromissloser zu gestalten. Und genau diese permanente Einflussnahme eines Kults – in Verbindung mit ganz natürlich ablaufenden innerseelischen Mechanismen – kann man als Bewusstseinskontrolle bezeichnen. Zwar befindet sich der Theokratische im inneren Team auch nach Austritt aus dem Kult noch eine Weile in der inneren Mannschaft, verliert jedoch ohne “Futter” in Form von Reindoktrination mehr und mehr an Kraft. Die Verschmelzung mit dem Oberhaupt verschwindet in der Regel langsam. Irgendwann kann die Person wieder authentisch handeln. Wie Schulz von Thun allerdings auch zeigt, kann hier in Einzelfällen psychotherapeutische Hilfe notwendig sein.

Kulte verweisen gerne in Gerichtsverhandlungen darauf, dass ihre Mitglieder freie Entscheidungen getroffen hätten (zum Beispiel, wenn es um die Ablehnung von Bluttransfusionen geht). Ich hoffe, dass durch diesen Artikel nun jeder besser versteht, ob das stimmt. Man müsste die Frage mit: “Jein, aber…” beantworten. Was nicht erwähnt wird, ist nämlich, dass der Kult anfangs das theokratische Teammitglied erzeugt und über längere Zeiträume hinweg in der Person kultiviert hat. Dass die Doktrin kompromisslos gestaltet wurde und ein Verschmelzungsvorgang (durch Darstellung der Werte des Kults als Ich-Ideal) angestoßen wurde – und all das, ohne dass es dem Indoktrinierten jemals bewusst wird. Er reagiert durch diese “Behandlung” mit hoher Wahrscheinlichkeit in den meisten Situationen im Sinne des Kults, obwohl eine authentische Entscheidung oftmals anders ausgesehen hätte. Die Steuerungsgewalt liegt dadurch letztendlich nicht mehr in der Person selbst, sondern beim Kultführer, der seine Anhänger durch Änderungen in der Doktrin in jede beliebige Richtung bewegen kann.

Was die Sache noch komplizierter macht ist, dass es auch durchaus Kultanhänger geben kann, die tatsächlich authentisch handeln und jeweils alle inneren Teammitglieder in die Entscheidungsfindung einbeziehen. Auch bei diesen Personen kann am Ende eine kultkonforme Handlungsweise stehen. Von außen kann man leider nur schwer erkennen, um was für einen der drei innerseelischen Typen es sich handelt.

Übrigens hat das theokratische Teammitglied bei den Zeugen Jehovas einen konkreten Namen: das “biblisch geschulte Gewissen”.

Nehmen wir an, ein Zeuge Jehovas wäre sich all der in diesem Artikel beschriebenen innerseelischen Mechanismen und Methoden des Kults bewusst und würde zugeben, dass alles genauso abläuft. Dann könnte er immer noch argumentieren:

“Ich bin froh, dass ich mein kompromissloses biblisch geschultes Gewissen habe und dass es mich kontrolliert. Ich bin dankbar, dass die Leitende Körperschaft eine starke Kontrolle durch unverwässerte biblische Vorgaben und eine strenge Hand ausübt. Das dient mir nämlich als Schutz, da ich nur dann Harmagedon überlebe, wenn ich keine Kompromisse eingehe. Ich verzichte lieber auf meine Authentizität und nehme in Kauf, ggf. seelisch zu erkranken, wenn ich dafür das ewige Leben erreiche.”

Anschließend könnte der Zeuge auf die Bibelstelle Markus 9:45, 47 verweisen:

Und wenn dich dein Fuß zum Schlechten verführt, dann hau ihn ab. Es ist besser für dich, mit nur einem Fuß in das Leben zu gelangen, als mit beiden Füßen in die Gehẹnna geworfen zu werden. […] Und wenn dich dein Auge zum Schlechten verführt, dann wirf es weg. Es ist besser für dich, mit einem Auge in das Königreich Gottes zu kommen, als mit beiden Augen in die Gehẹnna geworfen zu werden, […]

Bewusstseinskontrolle wird hier also als Schutz umgedeutet.

Damit sollte nun klar sein, was die grundsätzliche Frage ist, auf die man am Ende immer wieder stößt – das eigentliche Kernproblem: Wie sieht die Realität aus?

Sollte Jehova wirklich existieren und wir in der Zeit des Endes leben und sollte wirklich jeder vernichtet werden und sein ewiges Leben für immer verlieren, wenn er Kompromisse eingeht, dann wäre Bewusstseinskontrolle vielleicht sogar das beste Mittel, um dem entgegenzuwirken und sie würde ihr unethisches Flair verlieren.

Sollte es hingegen keinen Gott geben, wir nicht in der Zeit des Endes leben und der Mensch durch Evolution entstanden sein, ist Bewusstseinskontrolle nicht nur unethisch, sondern auch gefährlich und höchst problematisch.

Jeder Leser ist also angehalten, sich zunächst die Frage nach der Realität zu beantworten, weil alles andere aus dieser Perspektive beurteilt werden muss.

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