Das astronomische Tagebuch, VAT 4956

Keilschrift VAT 4956
VAT 4956

Am 1. November 2011 erschien ein Artikel der Wachtturm-Gesellschaft mit dem Titel „Wann wurde Jerusalem in alter Zeit zerstört? — Was sagen die Keilschriftdokumente wirklich aus?„. In diesem Artikel behauptet die WTG, dass die Keilschrift VAT 4956 – ein astronomisches Tagebuch der Babylonier –  beweist, dass Jerusalem im Jahr 607 v. u. Z. zerstört wurde.

Das Jahr 607 v. u. Z. nimmt in der Lehre der Zeugen Jehovas eine zentrale Rolle ein. Man kann sagen, dass ihr gesamtes Lehrgebäude auf dieser einen Zahl aufbaut. In diesem Jahr sollen die Babylonier Jerusalem zerstört und die Juden in Gefangenschaft geführt haben. Durch eine sehr komplexe Rechnung ermittelten Zeugen Jehovas anhand des Jahres 607 v. u. Z. das Jahr 1914, dass den Countdown bis Harmagedon – dem Krieg Gottes – einläutete.

Das Jahr 1914 ist hier aus Sicht der WTG sehr passend gewählt, da der erste Weltkrieg in diesem Jahr ausgebrochen ist. Wie wichtig ihnen das Jahr 1914 ist, zeigte sich einmal mehr dadurch, dass sie lange Zeit vom Jahr 606 v. u. Z. als das Jahr der Zerstörung Jerusalems ausgingen. Als ihnen ein Berechnungsfehler aufgezeigt wurde (das Jahr 0 wird nicht mitgezählt), wich man nicht vom Jahr 1914 ab, sondern verlegte die Zerstörung Jerusalems einfach auf das Jahr 607 v. u. Z.

Sexagesimalsystem in Form der Keilschrift

Wie können wir als Laien die Behauptung, dass Jerusalem 607. v. u. Z. zerstört wurde, beweisen oder widerlegen? Die meisten Leute, die diesen Blog-Beitrag lesen, können weder die babylonischen Keilschriften lesen noch sind sie Experten auf dem Gebiet der Astronomie. Dies ist auch gar nicht nötig, da die antiken Keilschriften bereits von Experten übersetzt worden sind. In diesem Blog-Beitrag werde ich dir aber zeigen, wie du die Berechnung des Jahres der Zerstörung Jerusalems anhand der Übersetzungen selbst durchführen und auf der Grundlage der verfügbaren Beweise zu deinen eigenen Schlussfolgerungen kommen kannst. Alles, was du benötigst, ist:

Wenn du SkyViewCafe verwendest, solltest du ein Jahr des gewünschten Jahres abziehen, da SkyViewCafe eine astronomische Jahreszahl verwendet, die eine Jahreszahl 0 enthält. Also wäre das Jahr 1 v. u. Z. [0], 2 v. u. Z. [-1], 500 v. u.Z. [-499]. Wenn du die Skychart-Software verwendest, musst du dies nicht tun.

Bestimmung eines genauen Jahres

Die Skychart-Software kann uns dabei helfen, zu sehen, wie der Sternenhimmel in der Antike aussah, und wenn wir diese Software in Verbindung mit der Übersetzung von VAT 4956 und den Sternbildern verwenden, können wir genau sehen, was der babylonische Astronom damals sah, als er den Himmel betrachtete, und wann genau das war.

Die Planeten und Sternbilder erscheinen am Himmel mit unterschiedlicher Regelmäßigkeit, und in Kombination wiederholen die fünf Planeten, die die alten Babylonier kannten (Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn), ihre ungefähre Position etwa alle 18.588 Jahre. Diese Zahl wird noch viel größer, wenn wir Sonnen- und Mondfinsternisse, Kometen und Sternbilder mit einbeziehen. Wir können also mit Sicherheit sagen, dass jeder Nachthimmel in der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte (und sogar in der Vorgeschichte) einzigartig war. Wir können jede Aufzeichnung des Himmels als „kosmischen Fingerabdruck“ bezeichnen.

In der ersten Zeile der VAT 4956-Tafel steht:

1: Jahr 37 des Nebukadnezar, König von Babylon. 1. Nisannu, der Mond wurde hinter dem Himmelsbullen sichtbar; [Sonnenuntergang bis Mondaufgang:] …. [ … ]

Wir müssen also unsere Skychart-Software verwenden, um ein Jahr zu finden, in dem am 1. Nisannu der Mond hinter dem Sternbild Stier (Taurus) sichtbar wurde.

Ich habe die Himmelskarten für jedes Jahr von 599 – 500 v. u. Z. mühsam durchgesehen, um das richtige Jahr zu finden. Wir brauchen die Himmelskarten nur nach dem ersten Neumond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche (1. Tag von Nisannu, der für die Babylonier Neujahrstag war) zu durchsuchen, was unsere Recherche erheblich vereinfacht.

Mondsichel auf der rechten Seite – Beginn eines neuen Monats

Der Mond muss sich über (babylonisch: „hinter“) dem Sternbild Stier befinden. Der Mond muss an diesem Tag ebenfalls wie auf dem obigen Bild aussehen, wobei ein Bruchstück einer Sichel auf der rechten Seite des Mondes den Beginn eines neuen Monats kennzeichnet.

Der einzige babylonische Neujahrstag, der diesen Kriterien entspricht, ist der 22. April 568 v. u. Z. Die Sonne ging unter und die Sichel des Neumondes wurde sichtbar.

Der Mond wurde hinter dem Himmelsbullen sichtbar…“ – Quelle: https://xjwfriends.com/2018/02/18/astronomical-diary-vat-4956/

In Zeile 2 der Tafel steht (wir sprechen immer noch über den 1. Tag):

2: Saturn stand vor der Schwalbe. Am 2. Morgen erstreckte sich ein Regenbogen im Westen. In der Nacht des 3. war der Mond 2 Ellen vor der [ ….].

Die Schwalbe war ein kleines Sternbild, das sich aus Sternen zusammensetzte, die wir heute als Teile vom Sternbild Fische und Pegasus klassifizieren (insbesondere den fünfeckigen Teil von Fische und den Stern Epsilon Pegasi, die „Nase“ des geflügelten Pferdes Pegasus).

Sternbild Schwalbe – Quelle: https://xjwfriends.com/2018/02/18/astronomical-diary-vat-4956/
Sternbild Pegasus und Fische – Quelle: https://xjwfriends.com/2018/02/18/astronomical-diary-vat-4956/

Wenn Saturn vor der Schwalbe stand (d.h. knapp unter der Schwalbe), dann haben wir die Gewissheit, dass dies genau das Jahr ist, in dem diese Tafel geschrieben wurde.

Saturn stand vor der Schwalbe…“ –  Quelle: https://xjwfriends.com/2018/02/18/astronomical-diary-vat-4956/

Der Saturn liegt genau unter der Schwalbe (den fünfeckigen Sternen des Sternbildes Fische), und er blieb das ganze Jahr über in der Nähe der Schwalbe.

Die Umlaufbahn des Saturns beträgt etwa 29 Jahre, aber eine andere Beobachtung auf der zweiten Seite der Tafel zeigt die Positionen von nicht nur einem, sondern zwei sich schneller bewegenden Planeten – Venus (deren Umlaufbahn 225 Tage dauert) und Merkur (dessen Umlaufbahn 88 Tage beträgt). Diese Kombination von Planeten grenzt die Zeitspanne stark ein.

19: …., …., Der 21., bewölkt; der Flusspegel stieg an. Um den 20. betraten Venus und Merkur das „Band“ der Schwalbe.

Wir würden also erwarten, dass Venus und Merkur sich am 21. Tag des Monats XII dieses Jahres (568/567 v. u. Z.) mit dem Saturn vereinen, und ganz sicher sind sie dort mit dem Saturn hinter (unter) der Schwalbe (Fische/Pegasus):

Saturn, Venus und Mars – Quelle: https://xjwfriends.com/2018/02/18/astronomical-diary-vat-4956/

Es kommt nicht sehr oft vor, dass alle drei Planeten zusammen gesehen werden, so dass man 568/567 v. u. Z. als das Datum der Tafel VAT 4956 angibt.

Wir könnten dies jetzt für alle anderen Beobachtungen durchführen, die auf der Tafel erwähnt werden, aber dieser Artikel wäre dann in der Tat sehr lang. Es ist unnötig zu erwähnen, dass die astronomischen Beobachtungen des babylonischen Schreibers auf eine bestimmte Himmelskarte aus dem Jahr, das von April 568 bis März 567 v. u. Z. reichte, zurückgeführt werden können. In einigen Fällen können wir sogar genau sagen, zu welcher Zeit der Schreiber die Beobachtungen gemacht hat. Tatsächlich ein kosmischer Fingerabdruck.

Eine Mondfinsternis

Eine Mondfinsternis findet statt, wenn die Erde direkt zwischen Sonne und Mond vorbeizieht und den Erdschatten auf den Mond wirft. Dies wird oft als Blutmond bezeichnet, weil sich der Mond aufgrund eines Phänomens namens Rayleigh-Streuung, der Lichtbrechung (in diesem Fall rotes Licht) auf dem Mond, rötlich färbt. Ich war Zeuge meines ersten Blutmondes am frühen Morgen des 28. September 2015. Folgendes Bild entstand etwa 1:30 Uhr.

Mondfinsternis vom 28. September 2015 – Quelle: https://xjwfriends.com/2018/02/18/astronomical-diary-vat-4956/

Diese Animation zeigt, wie es beschleunigt ausgesehen hat (x3600).

Die Skychart-Software bestätigt, was meine eigenen Augen gesehen haben.

Mondfinsternis 2015 in der Skychart-Software – Quelle: https://xjwfriends.com/2018/02/18/astronomical-diary-vat-4956/

Eine Mondfinsternis im alten Babylon

Eine Mondfinsternis, die sich am 15. Tag des Monats III (Simānu) ereignete, kann das Jahr, in dem die Tafel geschrieben wurde, noch genauer bestimmen.

Die Zeilen 17 und 18 der Tafel lauten:

17: [ ….] Am 15. wurde ein Gott mit dem anderen gesehen; Sonnenaufgang bis Monduntergang: 7o30′. Eine Mondfinsternis, die ausgelassen wurde (nicht gesehen werden konnte) [….]

18: [ …. der Mond war] unter dem hellen Stern am Ende des [ ….] Löwenfußes [ ….]

Wenn wir die Skychart-Software erneut betrachten und zwei Mondmonate und 15 Tage bis zum 15. Simānu zählen, können wir sehen, dass die Mondfinsternis, die in der 17. Zeile der Vorderseite der Tafel beschrieben wird, am 4. Juli 567 v. u. Z. stattfand. Diese partielle Mondfinsternis begann am Abend und konnte von Babylon aus nicht gesehen werden, weil es am Tag gewesen wäre, aber sie wurde von ihren Schriftgelehrten vorhergesagt, so dass sie wussten, dass sie stattgefunden hatte.

Partielle Mondfinsternis vom 4. Juli 567 v. u. Z.

So hätte der Himmel über Babylon nach Sonnenuntergang ausgesehen:

Quelle: https://xjwfriends.com/2018/02/18/astronomical-diary-vat-4956/

Der Erdschatten ist rot dargestellt, aber er ist offensichtlich am Himmel nicht sichtbar. Die Babylonier hätten die Mondfinsternis knapp verpasst; der Erdschatten und der Mond hätten sich langsam auseinander bewegt.

Die „Beweisführung“ der WTG

Das 18. Jahr der Herrschaft Nebukadnezars ist das Jahr, in dem Babylon Jerusalem eroberte und zerstörte. Die meisten Historiker sind sich darin einig, dass sich dies aus den oben genannten Gründen im Jahr 587/586 v. u. Z. ereignete. Die WTG steht mit ihrer Behauptung völlig alleine da.

Die WTG stützt ihre Berechnung einzig darauf, indem sie die 2520 Jahre aus der Offenbarung von 1914 an bis zur Zerstörung Jerusalems rückwärts zählen, und kommt so auf das Jahr 607 v. u. Z. Aufgrund der Abhängigkeit vom Jahr 1914, folgen Jehovas Zeugen ihrer Doktrin, und versuchen, das 37. Regierungsjahr Nebukadnezars auf 588 v. u. Z. statt auf 568 v. u. Z. festzulegen.

  • Wenn das 37. Regierungsjahr 568 v. u. Z. war, dann war das 19. Regierungsjahr 587 v. u. Z. (wissenschaftlich bewiesen durch VAT 4956)
  • Wenn das 37. Regierungsjahr 588 v. u. Z. war, dann war das 19. Regierungsjahr 607 v. u. Z. (WTG)

Der Artikel aus dem Wachtturm vom 1. November 2011 versucht dies wie folgt zu belegen:

Auf der Tafel wird eine Mondfinsternis erwähnt, die auf den 15. Tag des dritten babylonischen Monats (Simanu) berechnet worden war. In diesem Monat ereignete sich tatsächlich eine Mondfinsternis, und zwar an dem Tag, der dem 4. Juli (julianischer Kalender) des Jahres 568 v. u. Z. entspricht. Allerdings fand eine solche auch 20 Jahre vorher statt, am 15. Juli 588 v. u. Z.

Wenn 588 v. u. Z. das 37. Jahr Nebukadnezars II. war, dann wäre sein 18. Regierungsjahr 607 v. u. Z. — genau das Jahr, in dem nach biblischer Chronologie Jerusalem zerstört wurde. (Siehe den Zeitstrahl unten.) Liefert VAT 4956 noch weitere Stützen für 607 v. u. Z.?

Außer der erwähnten Mondfinsternis enthält die Tafel 13 Mondbeobachtungen und 15 Planetenbeobachtungen. Sie beschreiben die Position des Mondes oder bestimmter Planeten im Verhältnis zu gewissen Sternen oder Konstellationen. Außerdem sind 8 Zeitintervalle zwischen Auf- und Untergang von Sonne beziehungsweise Mond vermerkt.

Da Mondpositionen zuverlässigere Aussagen zulassen, haben sich Forscher eingehend mit den 13 Mondpositionen auf VAT 4956 befasst. Die Daten wurden anhand eines Computerprogramms ausgewertet, mit dem sich die Stellung von Himmelskörpern zu bestimmten Zeitpunkten in der Vergangenheit anzeigen lässt.19 Was ergab diese Analyse? Während sich für das Jahr 568/567 v. u. Z. nicht alle Mondpositionen nachweisen ließen, passten alle 13 Positionen auf das Jahr 588/587 v. u. Z. — also 20 Jahre früher.

© Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania

Lücken im Datensatz?

Die Behauptung im obigen Bild, das aus dem Wachtturm-Artikel stammt, ist, dass es Lücken in den babylonischen Aufzeichnungen gibt, und sie wollen den Beweis erbracht haben, indem sie sechs Zeittafeln abbilden. Ist es wirklich so, dass es Lücken in den Aufzeichnungen gibt? Stimmt es, dass die Babylonischen Chroniken nur 35 Jahre der neubabylonischen Herrschaft ausmachen?

Ja, das ist wahr, aber wir sollten nicht nur die Zeittafeln einbeziehen. Es gibt buchstäblich Hunderttausende von datierten Tontafeln in den Museen der Welt, die keine Zeittafeln sind. Es gibt historische Inschriften, amtliche Schriftstücke, gewöhnliche Briefe, Gesetzestexte; es wurden Tausende von prophetischen, mystischen, medizinischen, literarischen und lexikalischen Texten gefunden.

Britische Museumsarchäologen haben allein mehr als 50.000 Tontafeln aus der neubabylonischen Epoche aus den antiken Städten Sippar, Babylon, Borsippa, Uruk, Larsa, Ur und Kutalla entdeckt. Viele dieser Tontafeln sind datiert.

Auf der Website des Britischen Museums werden die in seinem Besitz befindlichen Tontafeln ausgestellt – insgesamt weit mehr als 125.000:

  • Frühdynastische Periode (ca.3200 – 2500 v. Chr.) – 500 Objekte aus Ur, Fara
  • Alt-Akkadier (ca. 2500- 2200 v. Chr.) 150 Objekte
  • Ur III (ca. 2200 – 2000 v. Chr.) – 30.000 Objekte aus Lagash, Umma, Ur, Drehem
  • Altassyrisch (ca. 19./18. Jahrhundert v. Chr.) – 700 Objekte aus Anatolien
  • Altbabylonisch (ca. 1900-1650 v. Chr.) – 20.000 Objekte aus Sippar, Ur, Larsa, Uruk, Kutalla, Kisurra
  • Nicht-Mesopotamisch – 400 Objekte , darunter Alalakh in Syrien, Amarna in Ägypten, elamitische Texte aus dem Iran und hethitische Texte aus Anatolien
  • Neuassyrisch (erstes Jahrtausend v. Chr.) – 25.000 Objekte aus Kujunjik, Nimrud
  • Neobabylonisch (erstes Jahrtausend v. Chr.) – 50.000 Objekte aus Sippar, Babylon, Borsippa, Uruk, Larsa, Ur, Kutalla.

125.000 Tontafeln allein im Britischen Museum, nicht mitgezählt die Tafeln im Louvre, im Israel Museum, im Smithsonian National Museum, im Nationalmuseum des Irak und in zahllosen anderen bedeutenden Museen.

Es stimmt zwar, dass die Babylonischen Chroniken nur 35 der 88 Jahre der neubabylonischen Herrschaft abdecken, aber auf diesen mehr als 50.000 Tafeln sind Aufzeichnungen für jedes einzelne Jahr der neubabylonischen Herrschaft und für jeden König festgehalten.

Die Mondfinsternis

Die WTG behauptet, dass sich die in VAT 4956 erwähnte Mondfinsternis nicht auf die vom 4. Juli 568 v. u. Z., sondern auf die vom 15. Juli 588 v. u. Z. bezieht. Die Skychart-Software zeigt uns tatsächlich, dass sich in diesem Jahr ebenfalls eine Mondfinsternis ereignete, die die Babylonier nicht sahen.

Monduntergang
Mondaufgang

Wir können klar erkennen, dass die Babylonier die Mondfinsternis nicht gesehen hätten, denn bei Monduntergang näherte sich der Erdschatten dem Mond, und bei Mondaufgang entfernte er sich. Die Mondfinsternis fand statt, als der Mond unter dem Horizont stand.

Aber auch wenn die Mondfinsternis übereinstimmt, gibt es beim Jahr 588 v. u. Z. mehrere Probleme.

Erstens datiert VAT 4956 die Mondfinsternis auf den 15. des Monats III (Simanu). Wenn dieses Datum wahr wäre, dann wäre, vom 15. Juli 588 v. u. Z.. rückwärts gezählt, der 1. des Monats I (Nisannu) Anfang Mai gewesen.

Der erste Tag des babylonischen Jahres (1. Nisannu) begann jedoch beim ersten Neumond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche (21. März), so dass er nie so spät wie der Mai beginnen konnte. Nach den Tabellen im Buch Babylonische Chronologie von R. A. Parker & W. H. Dubberstein begann der 1. Nisannu nicht ein einziges Mal in der 700-jährigen Epoche, die von den Diagrammen abgedeckt wird (626 v. Chr. – 75 n. Chr.), so spät wie im Mai.

Und tatsächlich ist die Mondfinsternis im Jahr 588/587 v. u. Z. in einer weiteren Tontafel festgehalten. In einem Online-Artikel sagt Carl Olof Jonsson:

Sehr interessant ist, dass die Mondfinsternis vom 15. Juli 588 v. Chr. von den Babyloniern auf einer weiteren Keilschrifttafel aufgezeichnet wurde, BM 38462, Nr. 1420 im LBAT-Katalog von A. Sachs und Nr. 6 in H. Hungers Astronomische Tagebücher und verwandte Texte aus Babylonien (ADT), Bd. V (Wien, 2001). Ich habe diese Tafel auf den Seiten 180-182 meines Buches The Gentile Times Reconsidered (3. Aufl. 1998, 4. Aufl. 2004) besprochen. Die chronologische Stärke dieser Tafel ist ebenso entscheidend wie die der VAT 4956. Sie enthält jährliche Mondfinsternisberichte vom 1. bis mindestens 29. Regierungsjahr des Nebukadnezar (604/603 – 576/575 v. Chr.). Die erhaltenen Teile der Tafel enthalten bis zu 37 Aufzeichnungen von Finsternissen, von denen 22 vorhergesagt, 14 beobachtet und eine ungewisse Beobachtung stattfand.

Der Eintrag mit der Aufzeichnung der Finsternis vom 15. Juli 588 v. Chr. (Vorderseite, Zeilen 16-18) ist auf das Jahr 17, nicht auf das Jahr 37 des Nebukadnezar datiert! Dieser Eintrag berichtet von zwei Mondfinsternissen in diesem Jahr, eine „ausgelassene“ und eine beobachtete. Die erste, „ausgelassene“, die sich auf die Mondfinsternis vom 15. Juli 588 bezieht, wird auf den Monat IV (Duzu), nicht auf den Monat III (Simanu) datiert. Es kann also nicht die Finsternis sein, die auf den Monat III über die VAT 4956 datiert ist. Dass es sich bei dieser Finsternis wirklich um die vom 15. Juli 588 handelt, wird durch die detaillierten Informationen über die zweite, beobachtete Mondfinsternis bestätigt, die auf den Monat X (Tebetu) des Jahres 17 datiert ist. Die Einzelheiten über den Zeitpunkt und das Ausmaß helfen, diese Finsternis über alle berechtigten Zweifel hinaus zu identifizieren. Der gesamte Eintrag liest sich nach der Übersetzung von H. Hunger in ADT V, Seite 29:

„[Jahr] 17, Monat IV, [ausgelassen].

[Monat] X, der 13., Morgenwache, 1 ber 5o [vor Sonnenaufgang?]

Alles wurde abgedeckt. [Es setzte eine Finsternis ein].“

Ein weiteres Problem ist, dass die restlichen astronomischen Beobachtungen nicht mit dem Himmel übereinstimmen, die in VAT 4956 beschrieben sind.

Wenn wir zu Zeile 2 der Tafel zurückkehren, können wir sehen, dass der Saturn vor der Schwalbe war:

2: Saturn stand vor der Schwalbe. Am 2. Morgen spannte sich im Westen ein Regenbogen. In der Nacht des 3. war der Mond 2 Ellen vor der [ ….].

Die Umlaufbahn des Saturn um die Sonne dauert 29,4 Jahre und scheint sich sehr langsam über unseren Himmel zu bewegen. Dies bedeutet, dass sich der Saturn während des gesamten Jahres des 37. Regierungsjahres von Nebukadnezar (568/567 v. u. Z.) in der Schwalbe befand, wie wir an diesen beiden Screenshots sehen können, die am ersten Tag des Monats I (Nisannu) bzw. am 21. Tag des Monats XII (Addaru) aufgenommen wurden.

1. Nissanu: Saturn war vor der Schwalbe
21. Addaru: Saturn, Venus und Mars

Der 1. Nisannu auf der Tafel stimmt also mit dem 23. April 568 v. u. Z. überein, aber wo war Saturn am 4. April 588 v. u. Z., wie es der Wachtturm behauptet?

Eine schnelle Suche auf der Himmelskarte zeigt, dass Saturn zu dieser Zeit überhaupt nicht in der Nähe der Schwalbe war.

Saturn am 4. April 588 v. u. Z.

Während des gesamten Jahres 588/587 v. u. Z. befand sich Saturn zwischen den Sternbildern Zwillinge und Krebs. Dies ist ein völlig anderer Teil des Himmels als das Sternbild Fisch.

Anhand der Beweise ist klar ersichtlich, dass sich die WTG irrt, wenn sie versucht das 37. Regierungsjahr der Herrschaft Nebukadnezars anhand von VAT 4956 zu bestimmen. Indem sie Informationen vorenthalten, unumstößliche Beweise ignorieren, selektiv bei der Auswahl von archäologischen Fundstücken vorgehen, versuchen sie, das 18. Regierungsjahr Nebukadnezars, als Jerusalem zerstört wurde, dem Jahr 607 v. u. Z. zuzuschreiben. Aber wie sie es auch drehen und wenden, die astronomischen Beobachtungen sind buchstäblich in Stein gemeißelt und werden sich auch nicht ändern, nur weil es zur eigenen Doktrin passt. Der kosmische Fingerabdruck lügt nicht.

Wieder einmal zeigt sich, dass die Realität von der persönlichen Meinung und Überzeugung unabhängig ist und die wissenschaftliche Arbeitsweise die beste Methode ist, um sich der Realität anzunähern.

Nachweise


Dieser Text wurde zuerst auf xjwfriends.com veröffentlicht und von mir ins Deutsche übersetzt.

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